Das Dorf der versteinerten Sprache

Das Dorf Lusérn in Norditalien ist vielleicht der letzte Ort der Welt, an dem Zimbrisch gesprochen wird. Während die Bewohner lange gegen die Diskriminierung als Minderheit kämpfen mussten, drohen heute wirtschaftliche Gründe die Sprache verschwinden zu lassen.

für das Wiener Journal, 23.08.2013

In einem kleinen Bergdorf in Italien erzählt der Friedhof vieles über die Geschichte des Ortes. Plastikblumen zieren die steinernen Gräber, die Steine sind mit Fotos versehen. Auf den ersten Blick unterscheidet ihn nichts von Friedhöfen in anderen Teilen des Landes, doch wer durch die Reihen schreitet, bemerkt schnell, dass die Namen auf den Grabsteinen nur ein bisschen nach Italien klingen. Giovanni-Hänsle, steht da auf einem, Maria auf einem anderen. Und auf gut der Hälfte steht: Nicolussi. Nicolussi Anzolon. Nicolussi Ferro. Nicolussi Galeno. Und natürlich Nicolussi Castellan. Das ist der Nachname von Luigi, der seine Vorfahren über 300 Jahre zurückverfolgen kann, der lange Zeit Bürgermeister war, nun Vorstandsmitglied des Chores, Vorsitzender eines Betriebes zur Förderung von Frauen, Mitglied des Einheitskomitees der deutschsprachigen Sprachinseln und Betreiber des Dokumentationszentrums von Lusérn.

Der Vielbeschäftigte sitzt gerade im Vorraum des Dokumentationszentrums und sieht sich einen billigen Historienfilm über Forte Verena an, den die zwei Männer neben ihm gemacht haben. „Die wollen einen Film über Lusérn drehen“, sagt Nicolussi und dreht sich zu uns um. Und weil es für Nicolussi eine Lebensaufgabe ist, die Kultur von Lusérn am Leben zu erhalten, kommt ihm das gerade recht.

Lusérn ist zwar geographisch in Italien, doch die Kultur und die Sprache des Dorfes kommen eigentlich aus dem deutschsprachigen Raum. Das Dorf ist eine sogenannte Sprachinsel, denn in hier wird Zimbrisch gesprochen. Nur mehr hier, sollte man dazusagen. Lusérn ist so etwas wie ein lebendiges Museum, bloß werden darin keine antiken Steinbrocken ausgestellt, sondern eine uralte Sprachform. Und wenn man nun auch weiß, dass Lusérn nur etwa 300 Einwohner zählt, versteht man, warum Nicolussi Castellan fast drängend wirkt, wenn er über die zimbrische Kultur erzählt. Es geht hier ums Überleben.

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Eine Insel in den Bergen

Sprachwissenschafter glauben, dass um das Jahr 1000 herum Völker bayrischer und westtirolerischer Herkunft ins heutige Trentino einwanderten. Im 13. Jahrhundert zogen sie von der Hochebene von Asiago in Richtung der Stelle, wo heute das Dorf Lusérn steht. Das Zimbrische wurde lange Zeit zwar auch in den Sieben und den Dreizehn Gemeinden gesprochen. Die Bewohner dieser Orte traten jedoch ständig in Kontakt mit Italienern traten, und so ist die Sprache nur mehr fragmentiert vorhanden. Die zimbrische Gemeinschaft in Lusérn hingegen war durch die Lage des Dorfes an einem steilen Berghang isoliert und hat ihren Dialekt bis heute beibehalten. Zimbrisch klingt ein bisschen wie Deutsch und ein bisschen wie Italienisch, aber selbst wer beides beherrscht, tut sich noch immer schwer damit, mehr als einzelne Wörter zu verstehen. Der ungewöhnliche Dialekt war in der Vergangenheit nicht immer gerne gehört. Es gab es durchaus Zeiten, in denen die Zimbern ihren Dialekt nicht mit Stolz auf der Straße sprechen konnten, sondern sich Worte in ihrer Muttersprache nur heimlich hinter verschlossenen Türen zuflüstern konnten.

„Im Faschismus wurden die Kinder bestraft, wenn sie mit Freunden oder Geschwistern Zimbrisch sprachen“, erklärt Nicolussi Castellan, während er im hiesigen Gasthaus als Aperitif ein Glas Gingerino bestellt. Nach dem zweiten Weltkrieg sei die Lage zwar besser geworden, aber die Sprache der Lusérner war trotzdem nicht gerne gehört: „Noch zu meiner Zeit in der Schulpause haben uns die Lehrer hingewiesen, man muss auf Italienisch sprechen.“ Erst seit 2001 ist Zimbrisch offiziell als Minderheitensprache in Italien anerkannt. Dass es so gekommen ist, ist vor allem dem Engagement der Dorfbewohner zu verdanken. Denn in Italien gibt es außer den Zimbern in Lusérn noch einige andere Sprachinseln, und nicht alle davon sind ausdrücklich per Verfassungsgesetz geschützt.

Gedenke, wer du bist

In der Nähe des Gasthauses ist ein Fresko an die Mauer eines Gebäudes gemalt. „Bobral bo do geast gedenkh ber do pist“ steht da geschrieben, unter dem Abbild eines alten Maurers und eines Pferdegespanns. „Überall wo du hingehst, gedenke, wer du bist“, heißt die zimbrische Inschrift übersetzt. Nicolussi Castellan hat es nicht vergessen, in all den Jahren, in denen er in München gewohnt hat, als Sozialrechtsberater gearbeitet hat, weil er das in Lusérn nicht konnte. Schon in jungen Jahren gründet er mit Freunden einen Kulturverein für die zimbrische Sprache. Kulturverein Ghandi nennen sie ihn, um zu unterstreichen, dass sie mit friedlichen Mitteln arbeiten wollen. „Damals in den 1960er Jahren gab es noch große Spannungen in Südtirol, es gab sogar Terroranschläge“, erzählt Nicolussi Castellan. Noch am selben Tag, als der Kulturverein gegründet wird, werden die jungen Leute von den Carabinieri im nahegelegenen Lavarone aufs Revier bestellt. Doch obwohl die Polizisten den Lusérnern ihr Engagement ausreden wollen, bleiben diese standhaft, sie sagen: „Wir gehen nicht gegen das Gesetz, wir sind friedlich und setzen uns für den Verfassungsschutz der Sprachminderheiten ein.“

Heute, wo die Bewohner der Sprachinsel Lusérn offiziell als Minderheit anerkannt sind, zeigen sich aber andere Probleme umso deutlicher. Ein kleines Bergdorf bietet wenig Möglichkeiten, Geld zu verdienen und oft noch weniger, sich zu verwirklichen. Die Bank hat hier nur zwei Mal in der Woche geöffnet, die Volksschule wurde geschlossen, weil es zu wenig Kinder gibt. Seit den sechziger Jahren sind scharenweise Familien ausgewandert, den Schul- und Arbeitsplätzen hinterhergezogen. Seit fünfzehn Jahren hat Lusérn zwar konstant etwa dreihundert Einwohner, doch die Mehrheit der Lusérner wohnt nicht mehr im Heimatort. Damit sie sich trotzdem als Gemeinschaft verbunden fühlen, gibt es im Fernsehen eine eigene Sendung auf Zimbrisch, auch in der Zeitung gibt es regelmäßig eine eigene Seite für die Sprachminderheit. Nicolussi Castellan hat auch eine Webcam aufstellen lassen, jetzt können die Leute in der Ferne schauen, wie das Wetter in Lusérn ist, wer auf dem Markt einkauft und wer in die Kirche geht. Sogar auf den Friedhof ist eine Kamera gerichtet.

Eine Frage des Überlebens

Damit das Dorf aber überlebt, muss jeder Bürger aktiv daran arbeiten. „Sehen Sie, ich habe das Haar lang“, sagt Nicolussi Castellan und streicht das schüttere braune Haar quer über den Kopf. „Meine Friseurin ist auf Urlaub, aber ich muss als Kunde bei ihr sein. Es gibt nicht viele Kunden hier.“ Um die Abwanderung zu verhindern, hat der Gemeinderat von Lusérn spezielle Maßnahmen durchgebracht. Pendler, die weiter weg arbeiten, bekommen Geld für jeden gefahrenen Kilometer, Familien mit Kindern erhalten finanzielle Zuschüsse, wer einen Arbeitsplatz schafft, kriegt ebenfalls Förderungen. Nicolussi Castellan ist selbst Vorsitzender eines Betriebs für die Beschäftigung von Frauen. Vier Frauen und zwei junge Männer arbeiten in dieser Initiative, erledigen Büroarbeiten, digitalisieren Dateien, werten Mikrofilme aus und geben Informationen in Datenbanken ein. „Die Frauen sind wichtiger als wir Männer, sie bestimmen wo der Wohnsitz der Familie ist“, sagt er. Durch diesen Betrieb seien 15 Leute wieder nach Lusérn zurückgekehrt, erzählt Nicolussi Castellan stolz, er drückt das so aus: „Sie sind an Lusérn gewonnen worden.“

Nicolussi Castellan zählt Kinder, oder besser gesagt, er rechnet, wie viele neue Lusérner bald auf die Welt kommen. Mitunter hört sich das regelrecht komisch an, doch dem ehemaligen Bürgermeister ist es ernst: „Die Beschäftigten des Frauenbetriebs haben schon drei Kinder geboren und zwei sind auf dem Weg. Dann bringt uns dieser Betrieb fünf Kinder in zwei Jahren, das ist nicht schlecht.“ Die Lusérner stecken in der Zwickmühle. Sie brauchen neue Einwohner, doch oft heiraten Frauen aus dem Rest von Italien in das Dorf ein. Sie sprechen mit ihren Kindern Italienisch, weil sie selbst das Zimbrische wenn überhaupt erst spät gelernt haben.

Solange sich die Sprache halten kann, ist vielleicht gerade die Tatsache, dass in Lusern Zimbrisch gesprochen wird die Rettung für das Dorf. Andere italienische Dörfer sterben aus, weil es nicht genug wirtschaftliche Entwicklung gibt, doch in Lusérn hält noch eine andere Komponente die Gemeinschaft zusammen. „Die Sprache lebt hier noch weil das Dorf klein ist und weit von anderen Zentren entfernt“, sagt Gianni Nicolussi Zaiga, der während des Mittagessens zu uns stößt, „Aber fast die Hälfte der Bevölkerung ist zu alt. Wer kann in zwanzig oder dreißig Jahren noch hier leben wenn jedes Jahr nur zwei, drei Kinder auf die Welt kommen? Wenn wir nicht große Hilfe für unsere Wirtschaft bekommen gibt es keine Chance.“

Er hört oft Vorwürfe von den Italienern, den Trentinern. Was wollt ihr Lusérner und Fersentaler, sagen die. Wollt ihr mehr Geld haben nur weil in Lusern oder Fersental eine andere Sprache gesprochen wird? „Nein nicht deswegen“, entgegnet er dann, „Sondern weil es in den letzten fünfzig Jahren keine Finanzierungen für uns gab, weil wir anders waren.“ Nationalistische Bewegungen sehen es nicht gerne, dass in Italien eine Minderheit lebt, die deutsche Dialekte spricht und eine eigenständige Kultur bewahren will. „Deswegen kämpfen wir immer noch, um zumindest das Selbe zu haben wie der Rest des Landes. Das muss man wissen, sonst versteht man auch nicht, warum wir immer Initiativen haben oder neue Projekte“, sagt Nicolussi Zaiga, „Sonst wird das Dorf kaputt gehen.“

Luigi Nicolussi Castellan schließt sich dieser Meinung an: „Die Politiker sagen, sie können was für die Kultur machen. Aber es reicht nicht wenn man Bücher druckt. Wenn die Leute auswandern geht die Sprache ab der zweiten Generation verloren.“

Man könnte auch sagen, vielleicht ist das der Lauf der Dinge. Die Sprache muss sich als Kommunikationsmittel behaupten können, muss Alltag bleiben, wenn sie das nicht schafft, soll sie vielleicht nicht weiterbestehen. Doch für Nicolussi Castellan und die Lusérner wäre das das Ende: „Das zusammenhaltende Merkmal unserer Gemeinschaft ist die Sprache. Mit der Sprache sind die Gedanken da, das Gefühl. Das ist die Sprache des Herzens. Wenn wir die Sprache verlieren, sind wir nicht mehr wir. Dann sind wir einfach Italiener, dann sind wir Fremde geworden.“

Hintergrund:

Im Norden Italiens gibt es mehrere Sprachinseln, in denen zum Teil noch immer mit dem Deutschen verwandte Dialektformen gesprochen werden. Zimbrisch existiert neben Lusérn noch in den Sieben und Dreizehn Gemeinden, dort allerdings kaum mehr als Alltagssprache. Im Trentino ist auch die Sprachform der Fersentaler beheimatet, die noch circa 800 Personen beherrschen. In Friaul gibt es unter anderem die Sprachinseln der Zahren und Tischlwanger. Bewohner dieser Sprachinseln sind oft doppelte Minderheiten: Denn auch der Trentiner bzw. der Furlanische Dialekt unterscheiden sich stark vom Italienischen.

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1 Comment

  1. Ich bin so fröh das Zimbrisch noch gesprochen ist und dass die Kulturelle Aktivisten diese alte Sprache zu beschützen kämpfen!!! Vielen Dank für die Nachricht.

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