Eine Frage des Systems

Spekulationen, Börsenstürze und Bankenrettungen haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass immer weniger Menschen Vertrauen ins Finanzsystem haben. Sie suchen nun nach Alternativen.

für das Wiener Journal, 6.7.13

„Die Zinsen sind der Grund allen Übels“, verkündet ein Mann im roten T-Shirt gerade vor der Türe eines grauen Gebäudes aus Beton. Nicht gerade Worte, die man sich im Vorhof einer Fabrik erwartet. Wäre da nicht die Tatsache, dass diese Fabrik seit einiger Zeit Schlagzeilen macht, in denen oft von „Finanzrebellion“ die Rede ist. Man kann schon ahnen, dass es hier ums Geld geht. Um Geld oder Leben genauer gesagt, so lautet der Titel des Symposiums, das an diesem Wochenende in Schrems im Waldviertel stattfindet. Geld, oder eigentlich die Gesetze, die rund ums Geld erschaffen wurden, haben Heini Staudinger vor einiger Zeit sowohl in Schwierigkeiten gebracht, als auch sehr bekannt gemacht. Staudinger ist der Besitzer der Schuhfabrik GEA, die im Clinch liegt mit der Finanzmarktaufsicht (FMA).

Wenige Stunden vor Eröffnung des Symposiums sitzt Heini Staudinger vor dem Computer und schaut sich ein Video auf Youtube an. Im Video: er selbst bei einem Vortrag Anfang des Jahres, wo der Unternehmer über Geld und Vertrauen redet. In echt: Staudinger, der mit einem Bleistift Notizen auf einen schmalen Papierstreifen schreibt. Heute Abend soll er das Symposium eröffnen, er ist spät dran mit der Vorbereitung, aber so mache er das immer, sagt er.

„Ich bin kein Verbrecher“, sagt der Youtube-Staudinger und der echte lacht. „Ich höre dem zu wie einem Fremden“, sagt er.

Das Wort Verbrecher kommt im Schreiben der FMA an die Firma GEA zwar nicht vor, aber wenn das Gericht der Behörde Recht gibt und nicht Staudinger, droht ihm vielleicht trotzdem eine Gefängnisstrafe. Die Version der FMA geht so: Der Unternehmer habe Bankgeschäfte ohne die dafür notwendige Berechtigung betrieben, dafür soll er zahlen.

Die Version von Staudinger lautet: Im Jahr 1999 wurde der Firma GEA willkürlich von der Bank der Kreditrahmen gekürzt, was dazu führte, dass Staudinger beschloss, in Zukunft von Banken unabhängig zu werden. Er gründete einen „Sparverein“ und borgte sich damit Geld von Freunden, Verwandten und Kunden, um GEA Banken-unabhängig weiterführen zu können.

Mittlerweile heißt der Sparverein „Apfelbäumchen“, denn es war unter anderem der Name, der der Finanzmarktaufsicht ein Dorn im Auge war. Nur eine Bank dürfe Geld annehmen und mit Zinsen zurückzahlen, so lauteten die Gesetze.

„Die Sache mit GEA ist banal“

Nun sind Gesetze die eine Sache, aber dass Staudingers „Rebellion“ auf große Unterstützung trifft ist eine andere. Sie zeigt, dass viele Menschen mit dem gegenwärtigen Finanzsystem nicht mehr können oder wollen und dass sie auf der Suche nach Alternativen sind. In der Schweiz wird vielleicht bald darüber abgestimmt, dass in einem Unternehmen der bestbezahlte Manager nicht mehr als zwölf Mal so viel verdienen darf als die schlechtestbezahlte Putzkraft. In Österreich legte die Initiative „Wir sind viele“ einen Änderungsvorschlag zum Bankwesengesetz vor.

Ich will nicht nur, dass sich formell etwas ändert, sondern dass viele Leute darüber nachdenken, was sie mit ihrem Geld machen“, sagt Markus Diestelberger, der im ersten Stock der Fabrik auf einem der vielen Sessel sitzt, die für das Symposium in einem Kreis aufgestellt wurden. Distelberger ist Organisator von „Geld oder Leben“, außerdem ist er Staudingers Anwalt und mit alternativen Überlegungen zum Finanzsystem bestens vertraut. Distelberger ist seit fünfundzwanzig Jahren in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt involviert, in einer alternativen Schule, dem Garten der Generationen und dem Tauschkreis Niederösterreich. Die Art, wie Staudinger agiert, finde er gut, sagt er, denn er lebe eine mögliche Alternative. Als Jurist hört Distelberger oft, dass die Leute mit dem gängigen System nicht zufrieden sind. „Aber die Leute fragen nie: Was will ich? Die fragen: Was darf ich?“, sagt er.

Staudinger läuft vor der Eröffnung des Symposiums mit einem Diktiergerät in der Hand durch den Wald. Das Interview findet im Gehen statt und der Schuhmacher stoppt nur hin und wieder, um vorbeigehende Schremser kurz zu grüßen. Fühlt er sich wohl, in der Rolle als „Finanzrebell“? „Verliehene Titel die werden einem halt verliehen und im Grund genommen ist mir das ein bisschen wurscht“, sagt er. „Wenn aber darin eine Ermutigung ist, dass Rebellion dort und da einen Sinn haben kann, dann bitte gerne. Dann bin ich gerne ein Finanzrebell. Und zwar weil ich nicht den geringsten Zweifel habe, dass das, was wir da in der Finanzwelt erleben, der helle Wahnsinn ist. Es wird nicht ausreichen, dass da ein Heini als Rebell gilt, sondern wir brauchen ohne Zweifel eine Bewegung, die diesen Zauber ein Ende bereitet.“

Was hat nun aber Schuhe machen mit Sozialem Engagement zu tun? „Im Grunde genommen nichts“, sagt Staudinger, „Die Sache mit GEA und Waldviertler, das ist banal. Heute ist Freitag, spätestens am Mittwoch hätte ich eine Lösung, mit der wir aus der Problemzone wären und die FMA die Verfolgung einstellen müsste. Dieser Medien-Hype hat mich aber in eine Position gebracht, die auch verpflichtet. In Wirklichkeit sind es zehntausende Klein- und Mittelbetriebe, die nur mit Geldern von Freunden und Verwandten die Krisen übersehen können, weil sie alle von den Banken kein Geld mehr bekommen.“

In anderen Ländern ist das informelle Kreditsystem längst gang und gebe – und längst nicht so nachhaltig organisiert, wie das von Heini Staudinger. Solche Länder sind aber auch meist geplagt von hoher Korruption und einem Versagen des Staates. Was läuft also in Österreich falsch?

Woran es krankt

„Die Schuld liegt nicht nur bei den Banken“, das betont Elisabeth Zehetner als ich sie am Telefon danach frage. Zehenter ist Bundesgeschäftsführerin der Jungen Wirtschaft und auch in einer Arbeitsgruppe involviert, die Alternativen zu bestehenden Finanzierungsmodellen sucht. Sie verweist auf EU-Richtlinien, die strengere Gesetze für Kreditvergaben vorsehen: „Aufgrund dieser Regelungen ist es für die Banken zunehmend schwieriger, mit Risiken verbundene Kredite zu vergeben.“

Zehetner kämpft nicht gegen das bestehende System, sie setzt sich dafür ein, dass es zusätzliche Alternativen gibt. Worte, die in diesem Zusammenhang in den letzten Jahren oft gefallen sind: Crowdfunding und Crowdinvesting. „Statt bei der Bank 1000 Euro für Null Zinsen einzulegen, könnte ich sagen: ich investiere lieber in ein Produkt, zu dem ich eine besondere Affinität habe. Das können Menschen wie du und ich machen, mit hundert Euro oder zweihundert, je nachdem, wie viel es mir wert ist. Denn wer hat schon zu Hause 50.000 Euro herumliegen?”, erklärt sie.

Crowdfunding und -investing stehen in Österreich rechtlich aber noch auf wackeligen Beinen. Das Prinzip: ich unterstütze ein Projekt mit kleinen Beträgen und bekomme dafür etwas zurück. Bei Crowdfunding ist das unbedenklich – die Gegenleistung erfolgt in Form von Sachgütern. Eine Investition in ein Crowdfunding-Projekt ist also eigentlich eine Spende, bei der ich als Dank etwas zurückbekomme. Beim Investing sieht das etwas komplizierter aus: denn hier erwerben die Mitglieder der „Crowd“ Anteile vom Unternehmen und bekommen etwas vom Gewinn zurück. Allerdings dürfen Unternehmen in Österreich auf diese Art und Weise gesetzlich nur bis zu 100.000 Euro sammeln. Darüber hinausgehend muss man eher aufwändig einen sogenannten „Prospekt“ erstellen. Alleine die Entwicklung eines einzigen Computerspiels kann aber mehrere hunderttausend Euro kosten. Genauso wie der Betrieb einer Schuhfabrik.

„So wie die Rahmenbedingungen jetzt sind, wird es für Jungunternehmer und Gründer zunehmend schwieriger, über Banken an Fremdkapital zu kommen. Trotz der guten Förderlandschaft, die wir an und für sich haben, brauchen wir also Ergänzungen“, sagt Zehetner. Dies sei letztendlich auch im Interesse der Banken. „Für die Banken ist der springende Punkt der, dass es keine Wettbewerbsverzerrung geben darf und dass Banken enorme Auflagen haben, die anderen aber nicht. Aber sie sehen es auch positiv, weil sie ja in diesem Segment, selbst wenn sie wollten, nicht finanzieren könnten.“

Die Rahmenbedingungen werden von der Politik geschaffen und in dieser Sache wird gerade wieder einmal im Parlament gestritten. Alle Parteien sind für eine Erleichterung von Crowdfunding – bloß die SPÖ ist skeptisch. Die Uneinigkeit im Parlament führt den Streit zwischen der ÖVP-dominierten Wirtschaftskammer (WKO) und der roten Arbeiterkammer (AK) weiter. Während die WKO für eine Ausweitung der bestehenden Finanzierungsmöglichkeiten eintritt, sieht die AK den Schutz der Anleger gefährdet. Wenn Unternehmer mehr Geld von Privatpersonen sammeln dürften, wer könne dann garantieren, dass nicht irgendwann ein Betrüger sich mit mehreren Millionen Euro Privatgeldern aus dem Staub mache, so die Argumentation. Für Staudinger ein schwaches Argument: „Anlegerschutz heißt nicht, dass irgendwer gesichert ist. Bei Meinl European Land und Auer von Welsbach haben die Leute haben das ganze Geld verloren. Seit damals kämpfen ganze Mannschaften von Rechtanswälten um die Anlegerrechte. Die Geschichte geht so aus, dass die Anwälte gerade ihre Honorare durchsetzen können und somit die einzigen sind, die profitieren.“

Für Zehetner wiederum geht es darum, zu schauen, dass Österreich nicht das Feld der alternativen Finanzierungen anderen Ländern überlässt: „In Tschechien, 90km von Wien entfernt, beträgt die Prospektpflicht eine Million Euro. Wenn wir in Österreich nicht rasch reagieren, werden die Crowdfunding-Plattformen ins Ausland ausweichen.“

Kein Crowdfunding ohne Crowd

Daniel Horak bleibt in Österreich, vorerst einmal. Gemeinsam mit einem Kollegen hat er die Crowdinvesting-Plattform Conda aufgebaut, eine von nur zwei solcher Plattformen in ganz Österreich. In den USA ist die Crowdfunding-Plattform „kickstarter“ längst etabliert, in Deutschland heißt das Pendant „startnext“. Der Erfolg von Conda maßt noch bescheiden an – bisher sind erst zwei Projekte auf der Website online. Daniel Horak betont aber, dass es reges Interesse gebe: „Wir sind mit 1. März gestartet und haben seitdem fast 60 Anfragen gehabt. Wir wollen auf der Plattform ein gewisses Qualitätslevel haben und dadurch müssen wir uns die Projekte erst einmal genau ansehen.“

Eine Idee haben, diese auf einer Plattform präsentieren und finanziert werden? Das hört sich im ersten Augenblick verlockend und leicht an, doch alternative Finanzierungen auf diese Weise sind auch mit viel Arbeit verbunden. Keine Crowdfinanzierung funktioniert ohne Crowd, wer nicht genügend Menschen dazu motivieren kann, Geldgeber zu spielen, hat viel Herzblut investiert um das Projekt schlussendlich erst nicht durchführen zu können. Von fast 100.000 Projekten, die seit dem Start von Kickstarter online gegangen sind, war nur etwa jedes vierte erfolgreich. Das zeigt: das Interesse an alternativen Finanzierungen ist groß, die Erfolgsquote nicht so sehr.

Horak kennt die Probleme, die österreichische Start-ups plagen, aus eigener Erfahrung. Vor sechs Jahren war er selbst schon mal erfolgreicher Jungunternehmer, entwickelte eine virtuelle Beratungssoftware, bekam Förderungen. Irgendwann fehlten 60.000 Euro, der damalige Partner programmierte sich ins Burn-Out und das Start-up wurde aufgelöst. Horak erzählt von Freunden, die ins Ausland gegangen sind, weil sie hier kein Geld mehr bekommen: „Sie sind in die USA oder nach Berlin gegangen sind, weil sie gesagt haben, sie finden hier kein Kapital, es ist viel zu kompliziert, ein Unternehmen zu gründen. Da glaube ich kann man was tun.“

Für ihn ist Crowdinvesting aber kein Ersatz für das bestehende System: „Ich sehe es nicht als Alternative Finanzierungsform und ich glaube, es ist kein Allerheilmittel, aber ich glaube, es ist eine tolle Ergänzung und eine super Chance.“ Damit führt auch Conda eigentlich klassische Modelle der Finanzierung weiter.

Jene, die am momentanen System rütteln wollen, haben sich mittlerweile in der Waldviertler-Werkstätte in Schrems eingefunden. Im Obergeschoß der Fabrik sind 220 Sessel in einem Kreis mit vier Reihen aufgestellt, kein einziger bleibt frei. Es hat sich ausgezahlt, dass Staudinger sich selbst auf youtube angesehen hat. So richtig blüht er dann auf, wenn er seine Sache vor vielen Menschen erklären kann. Er erzählt von GEA, von der FMA, zitiert dazwischen Ebner-Eschenbach, Luther und Brecht. Denn eigentlich redet er von einer größeren Sache. Davon, dass am Finanzsystem etwas krankt, dass man keine Schlupflöcher brauche, sondern nachhaltige Lösungen. Trotzdem verdankt er genau diesem System und der Kontroverse mit der FMA auch etwas. GEA produziert seitdem mehr Schuhe denn je, man rechnet damit, dass alleine im 2. Halbjahr 2013 genauso viele Schuhe verkauft werden wie im gesamten letzten Jahr. „Viele Leute sagen, dass GEA erst durch die FMA so berühmt geworden ist. Insofern danke ich hiermit auch der FMA“, sagt Staudinger.

Beitragsbild: Ameen Fahmy | Unsplash

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