Die Suche nach dem besten Gefühl der Welt

Das Streben nach dem Glück beschäftigt seit jeher die Menschheit. Die Glücksforschung meint, seine Ursachen gefunden zu haben. Aber was ist eigentlich Glück? Eine Geschichte mit mehr Fragen als Antworten.

 

Das Leben tropft durch einen durchsichtigen Plastikschlauch zurück in Marina Wagners* Arm. Langsam geht es wieder bergauf: Jede Stunde in dem weißen Krankenbett bringt Marina ein Stück weiter Richtung Tür, zurück in ihr Leben. Völlig gesund wird sie nicht werden. Vor kurzem hat Marina erfahren, dass sie Diabetes hat. Es war einer ihrer intensivsten Glücksmomente, sagt sie.

Wie konnte Marina eine Nachricht, die ihr Leben völlig umgekrempelt, Glücksgefühle bereiten? „Endlich hatte ich eine Diagnose“, sagt sie. In den Monaten vor der Diagnose war sie immer schwächer geworden, hatte stetig abgenommen, obwohl sie mehr gegessen hatte als je zuvor, konnte irgendwann kaum mehr sprechen. Sie hatte versucht, die Symptome zu ignorieren, ihr Arzt konnte ihr nicht helfen. Als sie schließlich den Arzt wechselt, misst der neue erstmals ihren Blutzuckerspiegel – Marina muss sofort ins Krankenhaus. „Einen Tag lang habe ich mir gedacht, das ist jetzt ziemlich scheiße“, sagt Marina. „Aber ich habe mich nie gefragt: warum ich? Diabetes ist kein Weltuntergang.“

Wie kommt es, dass eine solche Diagnose für manche Menschen den Weltuntergang bedeuten würde und sie in diesem Moment glücklich war? Wieso sind manche Menschen zufrieden, obwohl sie nichts haben und andere unglücklich, obwohl sie alles haben? Kann man lernen, glücklich zu sein? Und was ist das überhaupt, das Glück?

Das Glück ist vor allem: in aller Munde. 1974 entdeckte der amerikanische Ökonom Richard Easterlin ein seltsames Phänomen. Obwohl der durchschnittliche Reichtum in den Vereinigten Staaten stetig gestiegen war, war das Glücksempfinden dem Anstieg des Wohlstands nicht gefolgt. Das so genannte „Easterlin-Paradoxon“ brach mit der damals herrschenden Ansicht darüber, wie eine Gesellschaft sich am Besten zu entwickeln habe – nämlich wirtschaftlich – und warf eine grundlegende Frage wieder auf, die Philosophen schon seit der Antike beschäftigt: Wie wird der Mensch glücklich?

Das Definitions-Dilemma

„Das ist eine schwierige Frage“, sagen alle, denen ich diese Frage stelle und irgendwie ist das auch der Punkt, an dem Philosophie, Forschung und Psychologie immer wieder ankommen. Glück ist etwas zutiefst Subjektives, gleichzeitig gibt es Faktoren, die für das Glück fast aller Menschen gleich wichtig sind. Glück kann ein kurzfristiges Hochgefühl sein oder eine lang anhaltende Zufriedenheit. Dazu noch die Sprachverwirrung: Im Deutschen ist das Glück manchmal gar kein Gefühl, sondern einfach nur Zufall. Trotz all dieser Widrigkeiten im Umgang mit dem phantastischsten Gefühl der Welt streben wir danach, freuen uns darüber und versuchen neuerdings ihm mit wissenschaftlichen Kriterien zu Leibe zu rücken.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy beauftragte 2008 die Ökonomen Joseph Stiglitz, Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi mit der Aufgabe herauszufinden, welche Zahlen abseits vom Bruttoinlandsprodukt zur Berechnung von Wohlstand genutzt werden könnten. 2001 verkündete die chinesische Führung, von nun an das Wohlbefinden der Bevölkerung messen zu wollen. In Deutschland erschien ein Glücksatlas. Auch in Österreich wurde das Glück gemessen: Eine 2008 veröffentlichte Studie untersuchte, wie sich das Glückslevel von 26 Ländern mit den Jahren verändert hatte. Das Ergebnis: In fast allen Ländern war das Glück gestiegen, bloß in Österreich, Belgien, Großbritannien und Westdeutschland waren die Menschen über die Jahre immer unglücklicher geworden.

Die Frage, warum manche Menschen glücklicher sind als andere, ist einer der Punkte, warum die Forschung versucht, den Ursachen von Glück auf den Grund zu gehen. In ein paar Dingen sind sich die Glücksforscher einig: Mehr Geld macht ab einem gewissen Wohlstandslevel nicht mehr glücklich. Eine Familie zu haben trägt hingegen enorm zu einem hohen Glückslevel bei. Religiöse Menschen sind glücklicher als Atheisten und alte Menschen glücklicher als junge. Einige dieser Erkenntnisse klingen so logisch, dass man sich fragt, wozu sie überhaupt erforscht werden mussten.

„Ich kann dir nur Standardantworten geben“, sagt die 23-jährige Studentin Bernadette Moser, als ich sie frage, was Glück für sie bedeutet. Obwohl wir davon ausgehen, dass jedes Glück anders ist, kommen wir immer wieder auf die selben Themen zurück. Bedeutet Glück am Ende für uns alle doch das Gleiche? Keine zufriedenstellende Antwort. Aber wie kann etwas für viele Menschen so ähnlich zu erreichen und trotzdem so komplex sein?

„Es ist schwer zu fassen, was Glück ist, außerdem haben das schon andere Leute vor mir so klug formuliert“, sagt Bernadette. Wir sitzen in einem alten Wiener Beisl, das mit Kunstschnee und Faschingsgirlanden dekoriert ist und in dem aus den Lautsprechern ein Schlager tönt: „Mein Glück, das bist nur du!“ Das klingt logisch! Können wir uns darauf einigen, dass Glück also Liebe ist? „Nein“, sagt Bernadette, „es gibt viele Sachen, die zum Glück beitragen. Familie, Liebe, kleine Glücksmomente. Man kann nicht sagen, dass eines dieser Dinge das wichtigste ist.“ Auch die 26-jährige Laura Riefenthaler steht dem Glück der Liebe skeptisch gegenüber. „Liebe ist ein verschleiertes Glücksgefühl.“ Man könne sich Hals über Kopf in jemanden verlieben, den man gar nicht kennt – man sei zwar glücklich, aber ohne handfesten Grund. Reicht die große Verliebtheit schon zum großen Glück?

Der Wert des Glücks

Man könnte also auch sagen: Nicht jedes Glück ist gleich viel wert. Diese These vertrat der Philosoph John Stuart Mill (1806-1873), der dem Glück eine moralische Komponente zur Seite stellte. Das Glück, ein Gedicht zu schreiben, sei mehr wert als das Glück, Geld beim Kartenspiel zu gewinnen, erklärte Mill. In anderen Worten: Eine fertige Seminararbeit hat höhere „Glücksberechtigung“ als ein gemütlicher TV-Serienmarathon.

Wenn Laura von Glück spricht, dann meint sie damit vor allem: etwas tun. Mit siebzehn packt sie einen kleinen Rucksack und macht sich alleine auf den Jakobsweg. Zwei Wochen ist sie schon unterwegs, sie spürt jeden Muskel, die Sonne brennt, es gibt keine Bäume, die Schatten spenden könnten. „Es war eine furchtbare körperliche Qual“, sagt Laura rückblickend. „Mir ist es wirklich schlecht gegangen.“ Der Weg wird steiler, Laura geht einen Berg hinauf, irgendwann ist sie oben. „Ich habe zurückgeschaut, auf den Weg, den ich schon gegangen bin und plötzlich war ich so glücklich, dass ich weinen musste“, erzählt sie. „Ich habe den Weg hinter mir symbolisch für mein Leben gesehen, alles, was ich schon geschafft habe. Der Weg vor mir war nicht ersichtlich, das war irgendwie die Zukunft. Ich war alleine, ich habe dieses Glück mit niemandem geteilt. Trotzdem war das einer der glücklichsten Momente meines Lebens.“

Der Buddhist Michael Langerwisch sieht das mit dem Glück etwas anders. „Viele meinen zum Beispiel: Wenn die Diplomarbeit fertig ist, dann bin ich glücklich“, sagt Michael. Sich Ziele zu stecken, mit deren Hilfe man das Glück zu erreichen glaubt, sei aber der falsche Weg. Michael ist seit elf Jahren praktizierender Buddhist, „Diamantweg“ heißt der Pfad, den er geht. „Es geht auch darum, Glück zu erfahren, ohne zu wissen, weshalb man genau glücklich ist“, sagt er. Der Buddhismus baut auf die Kräfte des Individuums – und will gleichzeitig dieses auflösen. Die Überwindung des Selbst, der eigenen Wünsche und des dadurch erzeugten Leidens sei notwendig, um den Prozess der Wiedergeburt zu überwinden und ins Nirvana einzugehen. Inneres Glück durch Meditation, durch Erkenntnis, steht im Mittelpunkt. Ganz im Sinne des Sprichworts: Jeder ist seines Glückes Schmied.

Die Glücks-Schmiede

Dass der Mensch sein Glück selbst suchen und finden kann, ist die grundlegende Annahme, auf der die heutige Glücksforschung basiert. In der Glückswissenschaft geht man davon aus, dass Glück einer Verbindung zwischen einem genetischen Glückslevel, innerer Einstellung und äußeren Faktoren entspringt. An dem genetisch bedingten Glückspotenzial ist nicht zu rütteln, obwohl ihm manche mit Psychopharmaka auf die Sprünge helfen wollen. Innere Einstellungen und äußere Faktoren sind veränderbar, doch nicht alle davon kann der Einzelne kontrollieren. Wer ist also für mein Glück verantwortlich?

Annahme Eins: Das Schicksal in Form von Gott, Ganesha oder sonst wem. Dazu bleibt nichts zu sagen – es ist ohnehin schon alles festgeschrieben. Wer daran glaubt, dass sein Leben von einer kosmischen Kraft vorherbestimmt wird bzw. wurde, hat möglicherweise weniger Stress, für sein Glück selbst zu sorgen, aber so jemand hat auch weniger Antrieb, etwas zu verändern.

Annahme Zwei: Der Staat/Die Anderen. In einer hochkomplexen Gesellschaft wie der unseren geben wir immer mehr Zuständigkeitsbereiche an das „System“ ab. Vielleicht ist es daher auch logisch, dass wir die Verantwortung fürs Glück nicht alleine übernehmen wollen. Viele Rahmenbedingungen, die für das Glück notwendig sind, werden vom Staat bereitgestellt: Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser, ein funktionierendes Rechtssystem. Der englische Philosoph Jeremy Bentham sah das Ziel eines Staates darin, das größtmögliche Glück einer maximalen Anzahl an Menschen zu ermöglichen. Die aktuellen Glücksdebatten der Politik schließen an diese Idee an, der Staat Bhutan hat Glück sogar zur offiziellen Staatsmaxime erkoren.

„Ich glaube nicht, dass Bhutan das Land mit dem höchsten Glückskoeffizienten ist. Das ist Nordkorea. Behaupten die zumindest selbst“, sagte Rudolf Taschner 2011 beim „Philosophicum“ in Lech am Arlberg. Taschner kennt sich mit Zahlen aus, er ist Mathematiker und mit diesem Satz trifft er einen wunden Punkt: Können statistische Zahlen wirklich aussagen, wie glücklich ein Mensch, wie glücklich ein Land ist? Was ist mit all den Faktoren, die in so eine Datenerhebung einfließen? Die meisten Glückserhebungen fragen nach dem subjektiven Empfinden – das ist allerdings für Verzerrungen anfällig. Auch Menschen, die sich in einer Notsituation befinden, können sich als glücklich einstufen. Was ist mit dem Wunsch, dem Forscher möglichst gute Antworten zu liefern? Oder dem Wunsch, den Staat mit den eigenen Antworten zu kritisieren? Wie sich die Antworten verzerren, je nachdem ob ich mich heute verliebt habe oder verlassen wurde? Darauf hat die Politik des Staats keinen Einfluss.

Das bringt uns zurück zum Einzelnen und zu Annahme Drei: Ich selbst bin für mein Glück verantwortlich. Die Sache mit den Genen kann man nicht ändern, das haben wir schon geklärt, aber das „innere Glückslevel“ kann man durchaus bewusst ändern. Michael sieht beispielsweise im Buddhismus eine gute Schule, um die Verantwortung für das eigene Glück nicht an äußere Umstände zu knüpfen: „Glück kann man eigentlich nur im Geist erfahren.“ Muss man sich das jetzt so vorstellen, dass das buddhistische Glück darin besteht, isoliert von äußeren Faktoren in einer Höhle zu sitzen, bis man erleuchtet ist? Keineswegs, sagt Michael, für den verwirklichten Buddhismus sei es wichtig, trotz äußerer Umstände das innere Glück zu finden: „Am Schnellsten entwickelst du dich in der Mitte der Gesellschaft. Man muss sich den Herausforderungen stellen.“

Wem das zu spirituell ist, der kann sich Anleitungen in einem der vielen Ratgeber in Buchform holen: „Führen Sie ein Glückstagebuch!“ kann man da lesen, „Treiben Sie Sport!“ und für diejenigen, die von der Jagd aufs Glück schon ganz ausgebrannt sind, empfiehlt sich dann wohl „Fuck Happiness.”

Der große Irrtum

Wir könnten das Glück also scheinbar ganz einfach trainieren. Das Problem ist nur: Wissen wir überhaupt, was uns glücklich macht? Immanuel Kant vertrat die These, dass der Mensch selbst nicht weiß, was er sich wünscht und was er will.

Die Glücksforschung zeigt immer wieder, dass Menschen völlig falsch einschätzen, was ihnen Glück verschafft. Ein gängiger Irrtum zum Beispiel: Kinder machen glücklich. Stimmt nicht. Es gibt unzählige Singles oder Paare ohne Kinder, die auch glücklich sind. Trotzdem wollen die meisten Menschen irgendwann Kinder – und Eltern würden ihre Kinder wohl auch in den seltensten Fällen als Unglück einstufen. (Anm. Red: Obwohl man mit den Blagen schon sein Kreuz haben kann …)

Ein anderes Beispiel ist die Vorstellung vom gelobten Land. Nein, nicht das im Nahen Osten, sondern das um die Stadt herum. In der Fantasie werden Gärten bepflanzt, Katzen gefüttert und Spaziergänge durch die Natur gemacht. In Wirklichkeit sitzt man hauptsächlich im Zug oder im Auto, um in die Arbeit zu pendeln und kommt erst nach Hause, wenn es längst dunkel ist. Die meisten Menschen schätzen den Vorteil, den sie durch einen Umzug aufs Land bekommen, trotzdem größer ein als die Nachteile durchs Pendeln.

Was ist außerdem, wenn der eigene Körper einem Glücksgefühle schickt, wenn eigentlich keine da sein dürften? Marina hatte schon vor ihrer Diabetes mit einer schweren Krankheit zu kämpfen und auch die hängt irgendwie mit Glück zusammen. Die heutige WU-Studentin litt während ihrer Schulzeit an Bulimie. Wenn sie kotzte, war sie glücklich. „Wenn man später die Schmerzen spürt, denkt man kurz – das war das letzte Mal. Aber man vergisst das und denkt nur mehr an das Glücksgefühl“, erzählt sie. Um zu erkennen, dass dieses Glücksgefühl kein echtes Glück ist, ist Marina seit Jahren in Therapie. „Ich kann mir das jetzt auch nicht mehr vorstellen“, sagt sie. „Jetzt graust mir nur mehr. Ich spüre nur mehr die Nachteile, die Schmerzen, wenn ich daran denke. Das war eigentlich das komplette Gegenteil von Glück.“

Lauras Erlebnisse sind anders und doch hat auch hier ein Glück das andere zerstört. Sie verliebte sich extrem intensiv, die „totale Liebe“ nennt sie das. Sie war glücklich mit ihrem Freund, aber sie brach im Lauf der Beziehung den Kontakt zu ihrem Bruder ab. „Ich hatte eine rosarote Brille auf, ich habe wirklich nicht mehr klar gesehen. Die Liebe hat wichtige Beziehungen für mich zerstört“, sagt sie. Erst als die Beziehung zu ihrem Freund zerbrach, sah sie die negativen Auswirkungen. „Ich versuche seitdem, der Vernunft mehr Platz einzuräumen“, sagt Laura.

Wenn das Glück so ein trügerisches Gebilde ist, kann es dann das Höchste der Gefühle sein? Oder anders gefragt: Sollte man überhaupt nach Glück streben? Arthur Schopenhauer etwa hielt die Suche nach Glück für einen grundlegenden Irrtum des Menschen. Er war der Ansicht, die Summe allen möglichen Unglücks sei größer als die Summe allen möglichen Glücks. Man muss nicht Schopenhauers Meinung sein, aber ein Problem mit dem Glück ist, dass man sich schlicht und einfach daran gewöhnt. Irgendwann wird auch das Glück langweilig.

Eine Frage der Zeit

Hollywoodromanzen enden nach einem theatralischen Auf und Ab fast immer mit dem obligatorischen Kuss (oder gar der Heirat). Im Augenblick des größten Glücks beginnt der Abspann. Das wahre Leben geht aber auch nach den Credits weiter. Diesen Glücksmoment einzufrieren und das Gefühl daraus mitzunehmen, das geht einfach nicht. Wenn man sich frisch verliebt oder eine Gehaltserhöhung bekommt, steigt das Glücksempfinden signifikant an. Irgendwann jedoch gleicht sich das Glückslevel wieder dem Wert an, der auch vor der neuen Liebe und dem tollen Job schon da war. Langfristiges Glück kann also offensichtlich nicht durch solche Erlebnisse erreicht werden.

Ich habe Marina, Laura, Michael und Bernadette gebeten, mir für diesen Artikel ein Foto von sich zu schicken, auf dem sie glücklich sind. Auf all diesen Bildern sind Momentaufnahmen zu sehen. Langfristiges Glück aber lässt sich nicht auf ein Foto bannen. Wahrscheinlich ist langfristiges Glück in Form einer Verlängerung solcher Glücksmomente gar nicht möglich. Viktor Frankl meinte, Glück könne nur ein Nebenprodukt der Suche nach dem Lebenssinn sein – ein Ziel hingegen dürfe es nie werden.

Sind Lebensglück und Lebenssinn also zwei unterschiedliche Dinge? Man kann durchaus sinnlos glücklich sein, aber kann umgekehrt der Sinn des Lebens etwas sein, das einen nicht glücklich macht? Die Frage nach dem Sinn stellen wir uns vor allem in Momenten, in denen wir Krisen gegenüberstehen. Der Tod eines nahen Menschen, eine unerwartete Kündigung oder Schlussmachen zwingen uns eher zur Reflexion als unbeschwerte Nachmittage im Park.

Immanuel Kant sagte, dass es uns kein Vergnügen bereiten sollte, das Richtige zu tun. Die Glücksforschung widerspricht ihm da ein wenig. Altruismus, das Sorgen um andere, gilt als eine wesentliche Quelle von Glück. Eigentlich müsste Laura das bestätigen können, sie studierte an der PH Baden Sonderpädagogik und macht nun an der Uni Wien einen Master in Bildungswissenschaft. Seit Jahren arbeitet sie mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen, hilft ihnen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Doch Laura ist skeptisch, ob gute Taten wirklich glücklich machen.

„Gute Taten sind oft auf Egoismus zurückzuführen“, sagt sie. „Wenn ich jemandem ein Geschenk mache, freue ich mich, wenn der andere sich freut. Das heißt aber, ich freue mich in Wirklichkeit über etwas, das ich selbst gemacht habe, das halte ich für egoistisch.“ Ist Glück weniger wert, wenn man es aus „falschen“ Gründen erlebt? Und gilt das Glück, das ich anderen bereite, weniger, wenn ich es aus egoistischen Motiven tue? Was ist außerdem, wenn mein Glück das Unglück anderer bedingt?

Der Buddhismus geht davon aus, dass schlechte Dinge nicht aus Böswilligkeit passieren, sondern aus Unwissenheit, sagt Michael. In dieser Denkweise hätten auch Stalin oder Pol Pot nach dem Glück gestrebt – doch der Buddhismus sagt auch, dass der Weg zum Glück sicher nicht dadurch zu erreichen ist, dass man hunderttausende Menschen umbringt. „Jedes Wesen strebt nach Glück, viele greifen aber in die Brennnesseln, statt in die Blumen“, sagt Michael. Kann man einen Genozid mit Brennnesseln vergleichen? Natürlich nicht, aber im Buddhismus ist es wichtig, selbst für die grausamsten Menschen der Geschichte Empathie zu entwickeln. Ob das Glück Stalins in irgendeiner philosophischen Gedankenwelt gerechtfertigt sein kann, ist eine Frage. Eine andere, ob mein Glück nicht da aufhören muss, wo das Leid anderer anfängt.

Glück ist nicht gleich Glück, so viel steht fest. Das antike Glück Platons ist nicht das utilitaristische Glück von John Stuart Mill. Lauras Glück ist nicht das von Michael und Bernadette und schon gar nicht das von Marina. Jede Definition des Wortes ist nur der Versuch, ein Gefühl in Worte zu fassen. All diese Definitionen stellen nur eine mögliche Ausprägung von dem dar, was Glück einmal war, was es gerade irgendwo auf der Welt ist, was es einmal sein könnte. Was Menschen glücklich macht, ändert sich – in Form von Werten, aber auch im Zusammenhang mit anderen Faktoren wie dem Einkommen. Bewohner reicher Länder bewerten individuelle Freiheit beispielsweise als sehr wichtig für ihr Glück, in armen Ländern ist die Beziehung zwischen Freiheit und Glück eher eine negative.

Am Ende hat niemand einen Bauplan für das Glück. Was einen Hedonisten glücklich macht, bereitet einem Asketen Leid. Man kann sich an den Ergebnissen der Glücksforschung orientieren, aber man muss selbst herausfinden, welche Bausteine das eigene Glückspuzzle zusammensetzen.

*Name geändert

Beitragsbild: Cristian Escobar | Unsplash

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