Belo Monte: Die Ankunft des Paradieses

Der Amazonas beherbergt den größten und artenreichsten Regenwald der Welt. Ein Mega-Staudammprojekt verspricht den Menschen Geld und eine große Zukunft – und gefährdet damit den letzten Rest dieses Gartens Eden.

für 2012, gekürzt erschienen in der WOZ

Der Ort, an dem Paradies und Hölle aufeinander stoßen, liegt in Pará.

Das Paradies wird abgesteckt und aufgeteilt. Straßen, Strommasten, Stromleitungen. Wo Wildwuchs sein sollte, brechen geometrische Formen eine Schneise durch grünes Laubwerk. Von oben sieht die Gegend aus wie ein Schachbrett. Wie ein Spiel könnte man meinen. Ein Spiel bei dem es darum geht, in den dunkelgrünen Wald graue Rechtecke zu brennen.

Stadt. Land. Fluss. Damm.

Altamira. Brasilien. Xingu. Belo Monte.

Die Hölle ist ein graues Loch. Ein Loch, in dem Bagger jeden Tag weiter daran graben, den drittgrößten Staudamm der Welt fertig zu stellen, mitten im Amazonasgebiet. 2015 soll Belo Monte das erste Mal Strom erzeugen, 2019 dann vollständig in Betrieb gehen.

Auf einer Anhöhe steht Gutemberg Cruz und blickt auf die Bagger, Lastwagen und Planierraupen herab, die von hier aus wie Spielzeug aussehen. Eigentlich steht Cruz auf dem normalen Level, der Höhenunterschied ergibt sich, weil die Spielzeugbagger an einem riesigen Loch herumgraben. Zehn Millionen Kubikmeter Gestein sind schon weg, so groß ist die Grube.

Die Baustelle von Belo Monte.

Das ist momentan die größte Baustelle der Welt, wenn man nach der Anzahl der professionellen Arbeiter und der Komplexität des Projekts geht“, sagt Gutemberg Cruz. „Für einen Ingenieur ist das hier ein riesiger Karriereschritt.“ Der 28-Jährige ist kein Ingenieur, er war zehn Jahre lang Journalist und macht seit April 2011 die PR für das Bauprojekt. Auch für ihn war das Prestige, das er sich von dieser Arbeit erhofft, zu verlockend. Seitdem preist er die Vorzüge von Belo Monte auch jenen Leuten an, die ihn mit den vielen Gegenargumenten konfrontieren. „Brasilien wächst sehr schnell“, sagt Cruz, „Belo Monte wird gut für die Gegend sein.“

Zutiefst undemokratisch, unökologisch und unökonomisch sei Belo Monte, sagen die Gegner.

Hoch technologisch, umweltsensibel und quasi unumgänglich für Brasiliens Entwicklung, erwidert Norte Energia, das Konsortium, das mit dem Bau von Belo Monte betraut wurde.

Belo Monte ist das Prestigeprojekt der brasilianischen Regierung, die das Land unter dem „Programa de Aceleração de Crescimento“, dem Programm zur Beschleunigung des Wachstums, wirtschaftlich vorantreiben will.

Der Staudamm-Komplex besteht aus drei wichtigen Elementen. Ein großer Damm namens Pimental soll den Verlauf des Xingu umlenken – der Fluss soll nicht auf der natürlichen Schleife fließen, sondern durch einen eigens ausgehobenen Kanal. Am Ende des Kanals soll das Kraftwerk stehen, das die Strömung des Flusses in Strom umwandelt. Diese Baustelle heißt Sitio Belo Monte und über sie blickt Gutemberg Cruz an diesem Tag. Cruz hat einen weißen Schutzhelm auf, wie alle hier auf der Baustelle, aber anders als die meisten Arbeiter trägt er ein sauberes Hemd und Jeans. In der Grube bohren Männer mit orangefarbenen Warnwesten kleine Löcher für den Sprengschlamm in den steinernen Boden. „Diese Stelle ist perfekt für einen Staudamm“, sagt Cruz. „Der Höhenunterschied über hundert Kilometer beträgt hier neunzig Meter. Man braucht keinen hohen Damm.“ Belo Monte geht in der Kultur der barrageiros, der Dammbauer, über die Logik von Kosten und Nutzen hinaus, der Dammbau bekommt eine emotionale Komponente. Nicht nur für diejenigen, die dagegen sind, auch für jene, die dafür sind. „Gott macht einen Ort wie Belo Monte nur selten“, sagte einer der leitenden Ingenieure während der Planung des Projekts.

Die Baustelle ist der Orchestergraben, die Maschinen machen die Musik. Baggerketten knirschen auf steinigem Boden, Steine knallen rumpelnd auf Ladeflächen, Lastwägen piepsen, wenn sie rückwärts ihre Fracht abtransportieren. Diese Geräusche sind für alle gleich, aber doch hört jeder etwas anderes, wenn er hier steht. Für manche ist es eine Symphonie des Fortschritts, für andere ein Totenlied. Umweltschützer warnen davor, das sensible Gleichgewicht des Amazonas-Ökosystems zu stören. Die hundert Kilometer lange Schleife des Xingu, die „Volta Grande“, ist Heimat für einige endemische Tierarten – es gibt sie nur hier, nirgendwo anders. Wenn der Staudamm kommt, werden diese Arten ausgerottet, befürchten die Gegner des Projekts.

Die Regierung kennt die Gefahren von Belo Monte, es gibt einen Bericht der nationalen Umweltbehörde IBAMA, es gibt unabhängige Gutachten, darin kommt das Projekt nicht gut weg. Doch die Regierung argumentiert mit Brasiliens Wohlstand. Die Wirtschaft soll angekurbelt werden, Brasilien braucht Strom, sagt die Regierung. Vielleicht ist es also umgekehrt. Vielleicht ist Belo Monte das Paradies, das Entwicklung in eine lange vernachlässigte Region bringt, vielleicht der Amazonas die grüne Hölle, die es zu bekämpfen gilt?

Belo Monte lässt sich am Besten mit einem Wort beschreiben: Gigantomanie. Und Gigantomanie wiederum drückt sich deutlich in ein paar Zahlen aus. 15.000 Menschen arbeiten hier schon fast rund um die Uhr, nächstes Jahr, zum Höhepunkt der Bauarbeiten, sollen es 23.000 sein. Um den Kanal zu graben, werden 130 Millionen Kubikmeter Erdreich bewegt, das ist mehr als beim Bau des Panama-Kanals. 11.233 Megawatt Kapazität hat der Staudamm – doch weil der Xingu ein sehr saisonaler Fluss ist, wird Belo Monte ohne zusätzliche Staustufen nur etwas mehr als ein Drittel dieser Kapazität tatsächlich erreichen. Sieben Milliarden Euro soll er kosten, das ist die optimistische Schätzung. Vielleicht werden es auch zehn oder dreizehn Milliarden, die Zahlen variieren stark, je nachdem, wen man fragt.

Das Problem ist nicht die Kritik, das Problem sind die Lügen“, sagt Cruz. „Um Menschen zu schockieren, sagen die Gegner von Belo Monte, dass das Projekt in der Mitte des Waldes liegt, aber das stimmt nicht. Hier wurde schon in den siebziger Jahren alles gerodet.“ Cruz meint es wohl als Rechtfertigung, aber eigentlich ist das die wahre Tragödie der Amazonas-Kolonisierung, die in der Zeit der Militärdiktatur mit dem Bau der Transamazônica begann, jener Straße, die von Ost nach West durch den Wald führt. Die Transamazônica brachte kleine Holzfäller und große Unternehmen in den Amazonas, Goldsucher und Farmer, die den Wald abbrennen, um Platz für Sojaplantagen und Rinderfarmen zu haben.

Der Bau der Transamazônica begann in Altamira, jenem Ort, der auch am Nächsten an Belo Monte liegt. In Altamira können die Menschen den Staudamm schon jetzt spüren. Altamira hat etwa 120.000 Einwohner – rund ein Sechstel von ihnen kam wegen Belo Monte. Bis zu 100.000 Menschen werden im Laufe der Bauarbeiten nach Altamira ziehen, um einen der nur knapp über 20.000 Jobs zu ergattern. Viele enden auf illegalen Farmen im Wald oder in Hängematten am Busbahnhof, wo sie weiter auf Arbeit hoffen. Die Mieten steigen, weil viele Arbeiter nicht wie vorgesehen auf der Baustelle wohnen können, sondern in der Stadt nach einer Bleibe suchen.

Es gibt nicht genügend Ärzte, geschweige denn genug Betten im Spital, um so viele Menschen zu versorgen. Mehrere Stadtteile sollen umgesiedelt werden, weil sie durch Belo Monte dauerhaft überflutet werden. Das Abwassersystem ist unzureichend, oft fällt der Strom aus.

Das Projekt hat nur schlechte Dinge für die Stadt gebracht“, sagt Antonia Melo. „Wir sehen keine Verbesserungen.“ Melo ist Gründerin der Organisation Xingu Vivo, sie setzt sich seit 1989 für den Erhalt des Xingu und gegen Belo Monte ein. Melos Gesicht erzählt von den Kämpfen, die sie gefochten hat, Sorgenfalten, Zornesfalten, aber auch Lachfalten durchziehen die gebräunte Haut. Fragt man sie, ob sie nicht müde sei, nach all diesen Jahren, sagt sie: „Müde vom Kampf? Nein. Mit körperlicher Erschöpfung lernt man umzugehen. Sie wird mit der Zeit dein Partner.“

Im Büro von Xingu Vivo herrscht reger Betrieb. Immer sitzt irgendjemand am großen Tisch in der Mitte des Raumes oder an den Computern an der Wand. Journalisten, Aktivistinnen, Indigene, Fischer, Anwältinnen, Baustellenarbeiter. Jeder will etwas anderes von Antonia Melo und ihren Mitarbeiterinnen, alle eint die Unzufriedenheit mit Belo Monte. Melo gibt Interviews für drei lokale Fernsehteams, die mit ihren Kameras gekommen sind. Sie wiederholt oft die gleichen Sätze, ruhig, aber mit Nachdruck.

Die Bedingungen, die an den Bau von Belo Monte geknüpft waren, wurden nicht erfüllt.“

Die Indigenen wurden reingelegt.“

Die Justiz arbeitet gegen die Rechte der Bevölkerung, gegen die Menschenrechte, gegen die Verfassung.“

Der Bau des Mega-Staudamms wurde 2010 von der Umweltbehörde IBAMA an 40 Bedingungen geknüpft, die die Auswirkungen mildern und die Betroffenen entschädigen sollten. Es ging darin um finanzielle Entschädigung, Umweltfolgen und vor allem die Rechte der Indigenen. Per Verfassung müssen sie angehört werden, wenn ein Projekt wie Belo Monte offizielle indigene Gebiete direkt beeinträchtigt.

Das sei nie passiert, sagt Melo. Schon 1989, als das erste Mal konkrete Pläne für Belo Monte vorlagen, der damals noch Kararaô heißen sollte, war der Protest der ursprünglichen Bewohner des Amazonasgebiets vor allem international ein starkes Zeichen gegen den Damm. Über fünfhundert Angehörige 37 verschiedener Gruppierungen schlossen sich zusammen. Das Foto, auf dem die Kayapó-Frau Tuira dem Eletronorte-Chef José Lopes eine Machete an die Wange hält, wurde zum Symbol des Widerstands.

Eletronorte, das staatliche Energieunternehmen, das fast ein Fünftel der Anteile am Konsortium Norte Energia hält, hat seine Lektion gelernt. „Norte Energia hat sich zusammengeschlossen, um die Indigenen zu teilen“, sagt Antonia Melo. „Die größte Angst des Unternehmens war immer die Stärke der Indigenen am Xingu, die Kraft, die die öffentliche Meinung in dieser Sache hat. Sie haben den Widerstand geschwächt, indem sie Boote, Energie, Generatoren, Kliniken, Nahrungsmittel und Autos versprochen haben.“

Nach der Rodung bleibt vom Regenwald nur Asche.

Rund 25.000 Indigene aus 18 verschiedenen Gruppen wohnen in Gebieten rund um den Xingu – und damit in Regionen, die von den Auswirkungen des Staudamms möglicherweise betroffen sein werden. Die Volta Grande des Flusses gilt als Wiege der indigenen Zivilisation, in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstand dort das erste offizielle indigene Territorium Brasiliens. Norte Energia versichert zwar, dass diese Gebiete nicht durch den Staudamm überschwemmt werden, doch die genauen Auswirkungen wird man erst sehen, wenn der Staudamm fertig ist. Für die Indios, die am Xingu und seinen Nebenflüssen leben, ist Fisch die wichtigste Quelle tierischen Proteins. Belo Monte könnte Flüsse austrocknen lassen oder die Qualität des Wassers verändern – das wiederum würde den Fischbestand modifizieren.

Antonia Melos Arbeit besteht vor allem darin weiterzumachen. Weiterzumachen, obwohl die Baustelle wächst. Weiterzumachen, obwohl einige Mitglieder von Xingu Vivo so ausgebrannt sind, dass sie die Organisation verlassen haben. Weiter daran zu glauben, dass es noch ein Zurück gibt. Mehr als zehn Gerichtsverfahren wurden schon gegen den Bau von Belo Monte eingeleitet. Jedes Mal, wenn ein Baustopp verhängt wurde, wurde er binnen weniger Tage oder sogar Stunden von der nächsthöheren Instanz wieder zurückgezogen. Das brasilianische Justizsystem erlaubt, dass ein einzelner Richter eine Entscheidung für nichtig erklären kann, wenn es um übergeordnete nationale Interessen geht.

Auf dem Balkon von Xingu Vivo steht Elias Nasare da Rosa in der Mittagshitze und zieht an einer Zigarette. Da Rosa hat seinen Job auf der Baustelle verloren, weil er sich über die Arbeitsbedingungen beschwerte. Er zeigt seinen Arbeitsausweis, darauf ist ein Foto von ihm zu sehen. Mit Anzug, gescheiteltem Haar, entschlossenem Blick. Jetzt trägt der kräftige Mann mit den schwarzen Haaren ein gestreiftes Shirt, er schwitzt, wirkt erschöpft. Vier Monate hat er auf der Baustelle gearbeitet, als Fahrer, nie habe er sich dabei wohlgefühlt, sagt er: „Ich kenne die Perspektive der Leute innerhalb des Unternehmens. Ich habe kein gutes Bild von ihnen. Ich sah viele Umweltverbrechen. Die Leute, mit denen ich zusammenarbeitete, waren Schweine. Sie gaben immer damit an, wie sie in der Stadt minderjährige Prostituierte bekamen.“

Da Rosa sagt, er habe viele Missstände seinen Vorgesetzten gemeldet, passiert sei nie etwas. Irgendwann habe Norte Energia genug gehabt von dem Arbeiter, der sich dauernd beschwert. Die meisten, denen es geht wie ihm, halten den Mund, weil sie den Job brauchen. Da Rosa geht an die Öffentlichkeit, das missfällt seinen ehemaligen Arbeitgebern. Er kämpft jetzt um Kompensation, doch eigentlich will er so schnell wie möglich aus Altamira weg. Man habe ihn mit dem Tod bedroht, erzählt er. „Ich gehe zurück in den Wald, zu den Goldsuchern, damit ich außer Reichweite bin“, sagt da Rosa. „Ich habe Angst um mein Leben.“

Elias Nasare da Rosa zieht dem Leben auf der Baustelle eines als illegaler Goldsucher vor, als garimpeiro. Die garimpeiros sind für den Amazonas ebenfalls ein Problem, doch unweit von der Baustelle von Belo Monte hat sich eine kanadische Minenfirma, Belo Sun, die Schürfrechte gesichert. Diese legale Operation wird vielleicht noch größere Auswirkungen auf die Region haben als die illegalen Goldsucher, die im Dschungel ihr Glück suchen. Und Belo Sun wäre nicht hier, würde das Unternehmen sich nicht vom Wasserkraftwerk billigen Strom erhoffen. Noch eine Angst der Gegner: Belo Monte wirkt wie ein Magnet, der nicht nur Arbeitssuchende in die Amazonasregion zieht, sondern auch große Industrieunternehmen.

Da Rosa ist gekommen, weil er sich hier ein besseres Leben erhofft hat. Das ist nichts Neues. Schon immer sind Menschen aus Gebieten mit zu wenig Rohstoffen und zu viel Konkurrenz in weniger besiedelte Gebiete gezogen. „Integrar para não entregar“ – sinngemäß: Integrieren oder verlieren – war das Motto, mit dem die Amazonasregion enger an den Rest von Brasilien gebunden werden sollte. Die Transamazônica sollte den undurchdringlichen Wald öffnen – und es im Fall eines militärischen Angriffs möglich machen, das Gebiet zu verteidigen. Mit dem Bau des Urwald-Highways wurde auch ein anderer Leitspruch der Regierung leichter umsetzbar, der sich für die angestammten Bewohner als problematisch herausstellen sollte. „Ein Land ohne Leute für Leute ohne Land“, sagte der damalige Präsident Emílio Garrastazu Médici und wollte damit die Amazonasregion verarmten Farmern aus anderen Teilen des Landes schmackhaft machen.

Médicis Aussage trügt. Das Amazonasgebiet war nie ein Land ohne Menschen. Doch die Indigenen, die an den Flüssen und die in den Wäldern wohnten, galten in Brasilien lange Zeit nicht als vollwertige Menschen. Erst 1988 wurden ihre Rechte in der brasilianischen Verfassung verankert. Davor hatten sie als unmündig gegolten und eines staatlichen Vormunds bedurft. Auch das Recht auf ihr Land, ihre Sprachen und ihre Kultur mussten die Amazonasbewohner und ihre Verbündeten hart erkämpfen. Zu lange hatten sich Goldsucher, Holzfäller und Farmer an den Gebieten bereichert, die für die Indigenen Lebensraum und Lebensgrundlage waren.

Das Gift des Geldes

Erwin Kräutler kämpft seit fast fünfzig Jahren für die Rechte der Indigenen am Xingu. Der österreichische Bischof kam 1965 in Altamira an. Der Flughafen war damals nicht mehr als eine Schotterpiste, die Stadt ein Dorf mit nicht mehr als 5.000 Einwohnern. Der Kampf darum, die Rechte der Indigenen in den achtziger Jahren in die Verfassung zu integrieren, hätte Kräutler fast das Leben gekostet. Im Oktober 1987 wurde das Auto des Bischofs gerammt, sein Beifahrer war sofort tot. Seit 2006 wird Kräutler ständig von zwei Militärpolizisten bewacht. Sobald er über die Schwelle der Prälatur tritt, sind sie an seiner Seite. Die Polizei fürchtete damals, Kräutlers Einsatz gegen Kindesmissbrauch könnte ihn umbringen. Er war zu vielen Mitgliedern der Oberschicht von Altamira unangenehm geworden. Auch sein Einsatz gegen die Industrialisierung des Waldes stößt auf Widerstand. „Im Zusammenhang mit dem Staudamm gab es einen Slogan: Solange es den Bischof gibt, wird es Belo Monte nicht geben“, erzählt der Bischof. Die auflagenstärkste Zeitung habe einen Artikel gedruckt, in dem stand: „Der Bischof vom Xingu muss eliminiert werden.“

Kräutler ist immer noch da, aber Belo Monte auch. Die Arbeit mit den Indigenen wird immer schwieriger. Von der brasilianischen Regierung jahrzehntelang als Parias ignoriert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, werden sie von Norte Energia mit Versprechungen und Geschenken gefügig gemacht. „Man macht die Indigenen mundtot, indem man ihnen Geld in den Rachen stopft“, sagt der Geistliche, als er in einem Zimmer der Prälatur sitzt. „Man kann das verstehen. Die Leute hatten bisher nichts. Auf einmal sind sie der Hahn im Korb, man gibt ihnen alles, was sie sich wünschen. Damit macht man die Indios kaputt.“

Aurizid nennt Kräutler die Tragödie: Das Geld ist der Untergang der Indigenen. Ein Schnellboot mag kurzfristig für Glück sorgen, doch was nützt es, wenn der Fluss, auf dem es fahren soll, ausgetrocknet ist? Was passiert, wenn ein Anführer plötzlich viel reicher ist als alle anderen Mitglieder der Dorfgemeinschaft? Das soziale Gefüge breche zusammen, die Kultur werde nebensächlich. Viele suchten Trost im Alkohol, erzählt Kräutler.

Der Vorarlberger hat versucht, den Indigenen klarzumachen, dass das Geld der Baufirmen der Büchse der Pandora gleiche: Werde sie geöffnet, kämen die Plagen über ihre Welt. Mittlerweile sehen viele von ihnen die Geschenke der Baufirmen misstrauisch. Der Bischof war lange Zeit ein Vertrauter der Indigenen, doch nicht mal ihm trauen sie mehr. Kräutler hat Angst, dass es für eine Umkehr bald zu spät ist: „Wenn Belo Monte, wenn die große Schleife erst einmal in Beschlag genommen wurde, dann sind die Indios nicht mehr interessant.“

Die Prälatur, der Kräutler vorsteht, liegt direkt am Fluss. Wenn der Damm kommt, wird das Wasser rückgestaut. Niemand kann sagen, ob der Fluss vor der Schwelle dieses Hauses Halt machen oder ob er den weiten Platz vor dem Haus, die gefliesten Gänge und den Garten im Innenhof überfluten wird. Der Bischof kritisiert die technokratische Ausrichtung des Bauprojekts: „Wenn der Fluss steigt, wird er auch nicht fragen, ob ein Gebiet indigen ist oder nicht.“

Dabei sei der Bau des Staudamms letztlich keine technische, sondern eine politische Entscheidung gewesen: „Wir hatten viele Experten hier. Techniker, Geologen. Sie alle haben der Regierung abgeraten.“ Doch die Regierung sei unter Druck geraten, die mächtigen Baufirmen hätten lange ihre Wahlkämpfe finanziert, nun pochten sie im Gegenzug auf wohlwollendes Verhalten.

Das ist ein heißes Eisen, an dem sich niemand die Hände verbrennen will“, sagt Kräutler. Im Wahlkampf für die Kommunalwahlen, der gerade auf den Straßen Altamiras ausgefochten wird, sei Belo Monte kein Thema. Nur an den Wänden sieht man manchmal Graffiti, auf denen der Staudamm zu „Belo Monstro“ wird. Norte Energia hat in Altamira ein eigenes Job-Trainingscenter gebaut. Selbst wer gegen Belo Monte ist, hat oft keine Alternative, als in irgendeiner Art und Weise für das Bauunternehmen zu arbeiten.

In Invasão dos Padres, einem der ärmsten Viertel Altamiras, sitzt Inaldo do Jesus mit seinen zwei Kindern vor seinem Haus und isst Reis aus einer Metallschale. In diesem Stadtteil sind alle Gebäude auf Pfählen gebaut, weil in der Regenzeit hier alles überflutet wird. Manchmal steigt das Wasser so hoch, dass die Menschen sogar in den Häusern nasse Füße bekommen. Vor etwa einem Jahr kamen ein paar sehr freundliche und höfliche Leute von Norte Energia, sagt do Jesus: „Sie haben gesagt, dass diese Gegend überflutet wird, wenn der Staudamm kommt, und dass wir ein neues Haus in einem anderen Stadtteil bekommen werden.“

Eigentlich hätte do Jesus mit seiner Familie schon im Jänner umgesiedelt werden sollen. Doch im Oktober ist er immer noch hier. Der Bauarbeiter erwartet, dass jemand von Norte Energia kommt und ihm sagt, dass das neue Haus fertig ist. „Sie waren schon viermal da und haben ihre Versprechen wiederholt“, berichtet er. Obwohl er durch den Bau von Belo Monte sein Zuhause verlieren wird, sagt do Jesus: „Ich bin nicht gegen das Projekt, weil es viele Jobs schaffen wird. Ich bin mir sicher, dass ich dort auch einen Job bekommen kann.“

Josefairani de Jesus (links) in ihrem Haus in Altamira.

Ein paar Häuser weiter steht Josefairani de Jesus in ihrem kleinen Haus, Küche, ein Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer. Alles ist aus Holz gebaut. An der Wand hängen Fotografien der Familienmitglieder. De Jesus sagt: „Wir sind sehr besorgt, weil wir nicht wissen, wann wir umgesiedelt werden. Wir haben keinen Ort, an den wir sonst gehen könnten.“ Nicht nur der Lebensraum der Indigenen, auch Altamira ist betroffen von den Veränderungen, die der Damm bringt. Invasão dos Padres war immer schon gefährlich, erzählt de Jesus, aber auch sie habe in Altamira gemerkt, dass mehr Menschen kommen und damit wiederum mehr Gewalt. Ihr Mann war Fischer. Am meisten macht der Familie zu schaffen, dass sich die Flüsse verändern werden.

Der Regenwald muss nicht mehr den Gesetzen der Natur folgen, sondern den Gesetzen, die die Kolonisatoren des Amazonas aufstellen. Nicht nur die Menschen, auch der Fluss und der Wald haben sich unterzuordnen. Sie werden zurechtgeschnitten, zurechtgebrannt und zurechtgeleitet, denn sie sind in ihrer natürlichen Ausprägung nicht ideal, sie sind noch optimierbar. Belo Monte ist nur der Beginn. Der Xingu führt in der Regenzeit viel Wasser, in der Trockenzeit könnte der Staudamm nur etwa zehn Prozent seiner Kapazität nutzen. „Belo Monte wird einen Domino-Effekt auslösen“, sagt auch Bischof Kräutler. „Wenn die erste Staustufe einmal gebaut ist, braucht man auch eine zweite, eine dritte, eine vierte. Über hundert Wasserkraftwerke sind geplant, die meisten in Amazonien. Und damit wird Amazonien am Ende sein.“

Bisher haben die Verantwortlichen versprochen, dass Belo Monte der einzige Staudamm am Xingu bleiben wird. Doch ohne zusätzliche Staustufen wäre der Damm unrentabel. Wenn Belo Monte erst steht, so die einhellige Meinung, werden auch die anderen Dämme gebaut. Die Folgen für die Umwelt wären verheerend. „Belo Monte ist der Dolchstoß ins Herz von Amazonien“, sagt Kräutler. Belo Monte ist deshalb so problematisch, weil der Damm ein Präzedenzfall für alles ist, was nach ihm kommt. Kräutler kritisiert die Ignoranz, mit der Brasiliens Regierung im Amazonas agiert: „Das Ausmaß, in dem Amazonien abgeholzt wird, erzeugt ein klimatisches Problem. Das Problem wird nicht an der Grenze von Amazonien Halt machen oder an der von Brasilien oder von Lateinamerika. Es wird ein Problem des Planeten Erde sein.“

Das Haus der Indios

Das Problem von Nefertiti Hass sind eine Handvoll Männer, die in ihrem Büro stehen und sich beschweren. Die Männer haben lange Haare, die in der Mitte des Kopfes kurz geschnitten sind. Sie gehören zur Gruppe der Xikrín. Nefertiti Hass ist Mitarbeiterin der FUNAI, der Fundação Nacional do Índio, jener Regierungsorganisation, die für die Belange der Indigenen zuständig ist. Die Männer in ihrem Büro kommen gerade aus Brasília, wo sie mit Verantwortlichen von Norte Energia verhandelt haben. Zwei Jahre lang erhielten die Dörfer 30.000 brasilianische Reais (rund 11.000 Euro) pro Monat als Kompensation für die Folgen des Staudamms. Jetzt hat das Unternehmen die Zahlungen gestoppt. Die Indigenen reagieren wütend. Noch wütender sind die Männer, weil die Verhandlungen in Brasília in ihren Augen nichts gebracht haben. Sie wollen mehr, aber Norte Energia will nicht mehr geben.

Norte Energie macht, was eigentlich FUNAIs Aufgabe ist, aber mit mehr Geld“, seufzt Nefertiti Hass, als die Männer ihr Büro verlassen haben. FUNAIs Aufgabe ist es, die Rechte der Indigenen zu vertreten. Die Organisation soll darauf achten, dass ihr Land geschützt wird, die Gemeinschaften Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung haben und eine nachhaltige Entwicklungspolitik verfolgt wird. Seit Belo Monte ist Hass’ Arbeit noch komplizierter geworden. Die Indios beschweren sich bei ihr, weil sie sich von Norte Energia betrogen fühlen. Die Staudammgegner misstrauen FUNAI, weil sich die Organisation auf Landesebene für den Staudamm ausspricht. Dass eine Institution, die für die Rechte der Indigenen zuständig ist, einen Staudamm befürwortet, der die Gebiete dieser Menschen beeinträchtigt, scheint absurd. Hass erklärt, warum: Auch hier sorgt Norte Energia für politischen und wirtschaftlichen Druck. Die Zentrale in Altamira liegt deswegen mit der Landesstelle in Brasília im Clinch. FUNAI versinkt genauso im Chaos wie der Rest von Altamira in diesen Tagen. Vor dem FUNAI-Gebäude hocken Geier. Sie hacken mit ihren Schnäbeln im Müll am Straßenrand.

Ein Kind im Dorf Pot-Krô.

In Altamira verdichtet sich der Konflikt, der in den Wäldern und Flüssen des Amazonasgebiets nur zu erahnen ist. Sobald die Indigenen bei FUNAI Dokumente holen müssen; sobald Dörfer ohne Schulen ihre Kinder für das Semester in die Stadt schicken; sobald sie herkommen, um Reis, Zucker und Batterien zu kaufen, wird ihnen Norte Energias Allgegenwart vor Augen geführt. Überall fahren Pick-ups mit dem Logo durch die Straßen. Ständig sieht man blaue Busse, auf deren Vorderseite als Destination „Sitio Belo Monte“ steht.

Die Veränderung merkt man auch im Gespräch mit den Indigenen, die vor dem Gebäude von FUNAI stehen, reden und rauchen. Der Anführer, der noch vor wenigen Minuten in Hass’ Büro gezetert hat, fängt nur widerwillig ein Gespräch an. Auf die Frage, ob man ihn in seinem Dorf besuchen könne, antwortet er mürrisch, ja, gegen 15.000 Reais dürfe man kommen. Das sind gut 5.500 Euro. Der Aurizid zeigt sein Gesicht. Der Anführer habe sich von Norte Energia kaufen lassen, sagt Nefertiti später. Jeder wisse, dass er seine Integrität für 10.000 Reais aufgegeben habe. Die Xikrín seien gespalten. Eine Hälfte sei gegen Belo Monte, die andere dafür.

Wir wollen diesen Damm nicht“, sagt Bebeto, der mit dem Fahrrad durch die Stadt fährt. Auch er ist Anführer eines Xikrín-Dorfes, allerdings seien seine Leute zu hundert Prozent gegen den Damm. Weil jeder Angehörige der Xikrín den gleichen Nachnamen trägt, nennen ihn alle beim Vornamen. Auch Bebeto stellt Forderungen, damit man in sein Dorf mitkommen kann, doch sie sind weitaus maßvoller: Er brauche ein bisschen Geld zum Einkaufen, schließlich sei er der Häuptling und könne nicht ohne Geschenke zurückkommen, außerdem 200 Liter Benzin – und zwei Erwachsene und drei Kinder müsse man auch noch mitnehmen. Am besten sei es, ihn von der Casa do Indio abzuholen. Dort wohne er, wenn er in Altamira sei.

Die Casa do Indio, das Indio-Haus, ist ein trostloser Anblick. Ein heruntergekommenes Eckhaus am Kai, mit Gitterfenstern und dunkelblauen Fliesen. In den Fenstern hängen Kleidungsstücke und hie und da ein Seil für eine Hängematte. Es stinkt nach Urin und Müll. Auf dem Boden hüpft ein zerfledderter roter Ara herum. Hier wohnen die Indigenen, wenn sie nach Altamira kommen. Die meisten bleiben nur wenige Tage, während sie auf Dokumente warten oder eine Behandlung im Spital durchführen lassen, doch manche Schulkinder bleiben das ganze Semester. Sie „wohnen“ in einer Hängematte, in einem Haus, dessen Abwassersystem nicht richtig funktioniert.

Es ist furchtbar, aber wir müssen hier bleiben“, sagt Bebeto, als er durch die Casa do Indio führt. Das einzig Neue im Innenhof des Gebäudekomplexes sind ein paar Bootsmotoren, die auf dem Betonboden liegen. Sie sind von Norte Energia. Der Konzern hat auch versprochen, die Casa do Indio herzurichten, obwohl dafür eigentlich die FUNAI zuständig ist. „Ich traue Norte Energia nicht. Ich traue FUNAI nicht. Eigentlich traue ich überhaupt keinem Weißen mehr, nicht mal dem Bischof“, sagt Bebeto.

Der Anführer, der am Vormittag 15.000 Reais für einen Besuch im Dorf haben wollte, sitzt an einem Tisch im Innenhof und blickt misstrauisch herüber. „Wir trauen nur uns“, sagt Bebeto, aber auch das stimmt nicht. Als die Indigenen im Juni den Pimental-Damm besetzten, waren die Xikrín die Streikbrecher. Während Bebeto erzählt, planen andere eine neue Dammbesetzung. Die Xikrín wurden nicht eingeladen. Zu groß ist das Misstrauen. Bebeto sieht die Kompensation von Norte Energia nicht als Geschenk, sondern als sein Recht: „Sie spielen mit unseren Leben, also müssen sie ihre Versprechen halten.“

Der Flatscreen im Dorf

Zwischen Altamira und Belo Monte ist die Transamazônica asphaltiert, ein Symbol dafür, wie wichtig der Staudamm hier ist. Lange Strecken des Urwald-Highways sind nichts anderes als ein breiter, ebener Weg aus roter Erde und rotem Staub. Asphalt von Altamira bis Belo Monte, Staubstraße von Belo Monte bis zur Abzweigung, die man nehmen muss, um auf indigenes Terrain zu gelangen, von da an eine Rumpelpiste. Sechs Stunden dauert die Fahrt von Altamira nach Pot-Krô, dem Dorf von Bebeto. Sechs Stunden, in denen die zwei Pick-ups, zwölf Leute, unzählige Packungen Reis, Brot und Kekse und 200 Liter Benzin in einer Plastiktonne durchgerüttelt werden.

Neben dem Weg zum Dorf brennt ein Stück Wald. Der Rauch ist so dicht, dass man kaum mehr etwas sieht. Er kratzt in der Lunge, macht das Atmen unangenehm. Ascheflocken tanzen durch die heiße Luft. Etwas abseits sitzt ein Mann und beobachtet die Rodung. Das Benzinfass wird zum Problem. Der Fahrer gibt Gas.

Soll hier der Regenwald einer Sojaplantage weichen? Kakaopflanzen? Entlang des Weges grasen immer wieder Kühe, Farmen reichen bis an die offizielle Grenze des indigenen Gebiets. Die Grenze ist ein Fluss, und auf einmal wird aus dem Wald ein Urwald. Hohe Palmen, Bananenbäume, dichtes Strauchwerk, Äste und Blätter am Boden. Die Straße wird zum breiten Pfad. Hier fährt nicht oft jemand durch. Auf den letzten hundert Metern vor dem Dorf laufen Hunde neben den Autos her.

Pot-Krô besteht aus etwa zwanzig Häusern, die in einem Kreis angeordnet sind, in dessen Mitte viel Platz ist und ein offenes Versammlungshaus. Die Gebäude sind teils mit Palmblättern gedeckt, teils mit Wellblech. Neben dem Versammlungshaus dröhnt ein Generator. Bebeto steigt aus dem Auto, er wird umringt von jenen, die im Dorf auf seine Ankunft gewartet haben. Schnell entladen die Dorfbewohner die Transportflächen der Pick-ups, die Besucher will offenbar keiner zur Kenntnis nehmen. Es scheint auch, als hätte Bebeto das Interesse verloren, sobald er die Dinge bekommen hat, die er gefordert hat. Er zieht sich erst einmal in sein Haus zurück, man könne ja noch am nächsten Tag miteinander reden.

Rechts neben Bebetos Zuhause wird ein neues Haus gebaut. Die Arbeiter sind angeworben, die Dorfbewohner bauen das Gebäude nicht selbst. Bebeto will, dass sein Vater dort einzieht, er hat vor dreißig Jahren das Dorf mitbegründet. In Pot-Krô gibt es nur zwei Ältere, der Rest ist fortgezogen. Es gefällt ihnen nicht, wie sich das Dorf entwickelt. Zu viel Technik, zu viel Kontakt mit der Außenwelt. Bebeto ist mit 39 Jahren einer der Ältesten hier. Am Abend spielen die Männer Fußball. Sie tragen teilweise Stutzen und Fußballschuhe. Im Hintergrund hört man den Dschungel, zur Dämmerung brüllen die Affen und feuern die Männer an, die schwitzend dem Ball nachjagen. Pot-Krô wirkt friedlich und harmonisch.

Nachts ist es nicht leise im Dorf, nur die Menschen sind still. Der Generator röhrt, und aus den Hütten leuchtet ein blauer Schein, wo die Menschen vor den Fernsehern sitzen. Der Boden der Häuser besteht aus Erde, aber an der Wand hängt ein Flatscreen. Die Kinder von Bebeto sehen sich einen Streifen mit Sylvester Stallone an. Bebetos Schwester sagt, Fernsehen tue ihren Augen weh: „Es ist komisch, Dinge zu sehen, die wir nicht kennen, wie zum Beispiel Gewalt. Wenn wir in der Nacht brutale Filme sehen, haben wir manchmal Angst.“ Auch Bebeto sagt, er mag Fernsehen gar nicht so gern. Aber das Gerät möchte er doch nicht wieder hergeben. Erst als der letzte Film zu Ende ist, kehrt Ruhe ins Dorf ein.

Am nächsten Morgen halten die Männer eine Versammlung im Haus in der Mitte des Dorfplatzes ab. Jeden Morgen treffen sie sich hier und planen, wie sie den Tag verbringen werden. „Heute haben wir beschlossen, hier zu bleiben und Zeit mit unseren Besuchern zu verbringen“, erklärt Bebeto. Auf die Frage, woher der Generator, das Benzin, die Solarpaneele und die riesigen Satellitenschüsseln kommen, sagt der Anführer: „Wir haben alles selbst gekauft.“ Einer der Arbeiter, die vom Dorf für den Bau des neuen Hauses angeheuert wurden, sagt, das Geld komme von Norte Energia, auch sein Lohn würde vom Bauunternehmen bezahlt. Bebeto hat gesagt, die 30.000 Reais Kompensation pro Monat von Norte Energia seien keine Almosen, sondern ein Recht. Vielleicht sieht er das Geld deshalb nicht als Geschenk, sondern als sein Einkommen. Trotzdem versucht er, es zu verbergen. Er behauptet, das Dorf erhalte sich durch Maniokanbau und mit Fischfang.

Das Dorf lebt vor allem vom Fluss Bacajá, der an den Häusern vorbeifließt. Der Bacajá wiederum speist sich aus dem Xingu, aus der Volta Grande, die durch Belo Monte abgeschnitten wird. Wird der Bacajá, sobald der Damm steht, weiter existieren? Der Bacajá ist einer der wenigen Flüsse, für den noch keine Untersuchungsergebnisse vorliegen. „Der Fluss wird austrocknen, wenn der Damm kommt“, glaubt Bebeto. „Auch jetzt kann man schon sehen, dass das Wasser niedriger ist als vorher. In Zukunft wird der Fluss höchstens ein schmaler Lauf sein. Wir werde nicht mehr mit dem Boot in die Stadt fahren können, das geht schon jetzt nicht mehr.“ Der Fluss würde sich rot färben, wenn Belo Monte kommt, sagten einst die Indigenen und verwiesen damit auf ihre Kampfbereitschaft. Jetzt scheint es eher, als würde der Fluss austrocknen.

Es wäre eine gute Dramaturgie für diese Geschichte, würde nun die Situation der Indigenen der Monstrosität von Belo Monte gegenübergestellt. Es wäre schön, zu zeigen, welcher Kontrast zwischen einer hochtechnisierten Baustelle und einem Dorf mitten im Amazonas-Urwald besteht. Es wäre aber auch zu einfach. Belo Monte ist schon längst in Pot-Krô angekommen. Davon zeugen die Satellitenschüsseln, die Flachbildschirme und die Baustellen im Dorf, bezahlt mit dem Geld von Norte Energia. Niemand kann den Xikrín verwehren, dass sie teilhaben wollen am Fortschritt Brasiliens.

Doch kann Geld den Verlust von Territorium aufwiegen? Von Unabhängigkeit, von Geschichte? Von den Menschen in Amazonien wird verlangt, ihr Leben auf neue Bedingungen einzustellen. Aber ihr Leben und ihr Alltag sind eng verbunden mit der Natur, die sie umgibt. Die Gemeinschaften am Xingu sind an die Umgebung angepasst, sie kennen die Pfade, sie kennen die Bedingungen. Die Kinder des Dorfes schwimmen jeden Nachmittag und Abend im Fluss. Was werden sie machen, wenn er nicht mehr da ist? Wird der blaue Schein der Fernseher das blaue Wasser des Flusses ersetzen?

Es hat sich viel verändert. Wir sind besorgt deswegen. Aber ich glaube, unsere Gesellschaft wird sich nicht verändern“, sagt Bebeto. Bebeto hat gesagt, sein Dorf sei sehr traditionell, und irgendwie ist es das auch. Aber Bebeto ist ein Häuptling, der eine blaue Badehose und Flip-Flops trägt, nicht Federarmbänder und schwarze Bemalung. In Altamira hat er ein großes Kreuz um den Hals getragen, in Pot-Krô tauscht er es gegen eine Kette aus kleinen Glasperlen, die die Kinder und Frauen knüpfen. Die Bilder von Indigenen, die über die Medien verbreitet werden, entsprechen nicht mehr der Realität. Auch in Pot-Krô wird die traditionelle Bemalung an diesem Tag nur angelegt, weil die Besucher darum bitten.

Ein Mädchen aus dem Dorf Pot-Krô wird bemalt.

Der 16-jährige Bekré klettert hoch auf einen Baum und pflückt mit einem langen, gegabelten Stock Janipapo-Früchte, die mit Wasser und Asche vermischt die Basis für die Bemalung sind. Die harte, faustgroße Frucht mit brauner Schale schlägt mit einem dumpfen Geräusch am Boden auf. Bekré pflückt einige von ihnen. Ein Jugendlicher steht mit dem Handy daneben, aus dem Lautsprecher dröhnt Rapmusik.

Die Xikrín stehen vor der gleichen Herausforderung wie alle indigenen Gemeinschaften im Amazonas: Ihre Lebensweise wird theoretisch von der brasilianischen Verfassung geschützt, aber im Entwicklungsbegriff Brasiliens haben sie keinen Platz. Als Bekré von Bebetos Schwester Nekroti mit schwarzen Streifen bemalt wird, erzählt er: „Ich würde gerne Mechaniker werden, um die Maschinen im Dorf zu reparieren.“ Nekroti sagt, Bebeto arbeite viel und verbringe viel Zeit in der Stadt, um Dinge wie den Generator zu beschaffen. „Wenn du Elektrizität hast, macht das das Leben nicht einfacher, du musst viel arbeiten, um Energie zu bekommen“, sagt Nekroti. Aber auch sie verbringt den Abend vor dem Fernseher.

Die Fahrt vom Dorf zurück nach Altamira durchläuft die Geschichte der Kolonisation des Amazonasgebiets. Weg von einem Dorf am Fluss, durch indigenes Gebiet, über einen Pfad aus Schlaglöchern, überall Pflanzen. Vorbei an den ersten Farmen, an den Kühen, denen die Bäume weichen müssen. Vorbei an der rauchenden Aschewüste, wo gestern der Wald gebrannt hat und wo jetzt keine Bäume mehr stehen. Hinauf auf die Transamazônica, die die Besiedelung Amazoniens beschleunigt, die Minenunternehmen, Holzfäller und Arbeiter in den Wald gelockt hat. Vorbei an der Baustelle von Belo Monte, wo 15.000 Arbeiter jeden Tag an der Entwicklung Brasiliens und dem Untergang der Urwaldregion graben und sprengen. Ankommen in Altamira, das einst Ausgangspunkt der Erschließung und Kolonisation der Region war und nun selbst durch diese vermeintlichen Errungenschaften bedroht wird.

Bebeto ist im Dorf geblieben, aber seine Worte hallen nach: „Ich bevorzuge die Vergangenheit. Ich wünschte, der Damm würde nie gebaut. Die Dinge werden nie wieder so sein, wie sie einmal waren.“ Am Abend wird er wieder Hollywoodfilme auf seinem Flatscreen schauen.

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