Das Dunkel in mir

Immer mehr Studierende leiden unter psychischen Krankheiten, das „lustige Studentenleben“ wird für sie zum Martyrium. Macht die Uni krank?

Ein Kater bringt das Fass zum Überlaufen. Kein alkoholbedingter, sondern einer mit Fell und Krallen. Marie (Name geändert) holt ihn vom Tierheim ab. Ihre Wohnung ist ein Saustall. Die 22-Jährige schafft es seit Wochen nicht mehr, aufzuräumen. Eigentlich soll ihr der Kater Abwechslung bringen, Wärme und Zuneigung schenken. Stattdessen zickt das Tier herum, ist nervös. Marie wird auch nervös. Aus ihrer Nervosität wird Angst, aus Angst wird Panik.

„Ich schaff es nicht, ich schaff es nicht, ich schaff es nicht“, denkt sie. Es geht nicht um den Kater, aber der Kater muss weg. Marie ist aufgelöst, kann die ganze Nacht nicht schlafen, nimmt eine Schlaftablette. Als sie nach dreißig Stunden wieder aufwacht, weiß sie, dass sie Hilfe braucht.

„Ich hatte im Dezember 2011 einen Nervenzusammenbruch“, sagt Marie heute. Die 22-Jährige sitzt im Café Jelinek im sechsten Wiener Gemeindebezirk und hat kein Problem, über die schwierige Zeit zu sprechen. Man würde der jungen Frau mit braunem Haar auf den ersten Blick nicht anmerken, dass sie vor nicht einmal einem Jahr nervlich am Ende war und bis heute Antidepressiva nimmt. Marie liebt ihr Studium und sagt trotzdem: „Ein Teil meines Nervenzusammenbruchs ist auf das Uni-System zurückzuführen.“

Das Studium, wirklich die schönste Zeit des Lebens?

Tagsüber im Hörsaal philosophieren, nachts feiern. Die Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten. Mach was draus! Es sind schöne Bilder, die sich die Gesellschaft vom Unileben zeichnet, aber stimmen sie? 45 Prozent der Studierenden gaben bei der Studierendensozialerhebung 2011 an, durch psychische Beschwerden im Studium schwerer voranzukommen. Hochgerechnet auf aktuelle Studierendenzahlen der Statistik Austria wären das über 162.000 junge Frauen und Männer, die so sehr unter Leistungsdruck, Versagensängsten und Prüfungsangst leiden, dass sich ihr Studienfortschritt verzögert. Nicht alle davon sind psychisch krank, nicht jeder braucht Behandlung – doch die Grenze ist schwer zu ziehen.

Tagsüber im Hörsaal philosophieren, nachts feiern.

Es sind schöne Bilder, die sich die Gesellschaft vom Unileben zeichnet, aber stimmen sie?

Genaue Zahlen, wie viele Studierende in Österreich dermaßen unter ihrem Studium leiden, dass ihre Ängste in Depressionen umschlagen, gibt es nicht. Doch eines ist klar: Sie steigen. Vor allem Studierende an der Veterinärmedizinischen Universität und an Kunstuniversitäten leiden laut Umfrage unter psychische Beschwerden. Macht die Uni krank?

Zumindest bei Marie scheint das Studium eine entscheidende Rolle gespielt zu haben. „Bei mir hat sich alles irgendwann aufgestaut“, sagt sie. 2008 inskribiert sie „Transkulturelle Kommunikation“ an der Universität Wien. Die ersten zwei Semester lässt sie sich Zeit, will wissen, ob sie das Thema überhaupt interessiert. Als sie im dritten Semester richtig durchstarten will, kann sie sich zu keinem Kurs anmelden: „Ich erfüllte die Voraussetzungen nicht, weil ich einen Einführungskurs versemmelt hatte.“

Als Marie nach dreißig Stunden aufwacht, weiß sie, dass sie Hilfe braucht

Fünf Monate untätig zu Hause herumsitzen und warten will Marie aber auch nicht. Sie findet einen Umweg, meldet sich über sogenannte Interessensmodule für Lehrveranstaltungen an und macht einfach weiter, obwohl sie laut Studienplan die Anforderungen nicht erfüllt. Drei Jahre lang geht das einigermaßen gut, doch der Druck wird immer größer. „Mir wurde von der Studienprogrammleitung sogar gedroht, dass mir Leistungen aberkannt werden, wenn rauskommt, dass ich nur über Interessensmodule angemeldet bin“, sagt Marie.

Dabei will sie vor allem eines: Nicht noch mehr Zeit verlieren. „Du bist 22 und hast keinen Bachelor. Zeit, fertig zu werden”, denkt sie immer wieder. Marie setzt sich selbst immer mehr unter Druck, besucht pro Semester zehn bis fünfzehn Kurse, verbringt bis zu zwölf Stunden am Tag an der Uni, arbeitet nebenbei noch als Nachhilfelehrerin. Privatleben? Fehlanzeige.

Doch irgendwann stockt die Maschine: Marie kommt mit dem Druck nicht mehr klar, muss Kurse mitten im Semester abbrechen. „Das war frustrierend, weil sich dann im nächsten Semester noch mehr aufgestaut hat“, sagt sie heute. Dazu kommt der bürokratische Stress: Kurse bestätigen lassen, Anrechnungen einreichen und die ständige Angst, dass am Ende alles umsonst sein könnte. Marie ist permanent angespannt, schläft Nachts schlecht, die Spirale dreht sich immer schneller. Bis zu jenem Dezembertag, als Marie ins Tierheim geht, um ihren Kater abzuholen und danach zusammenbricht.

Der schwierige erste Schritt

Warum all der Stress? Warum dieser Druck? Ist der Lehrplan schuld oder war Maries Martyrium hausgemacht? Sie selbst hat diese Frage für sich beantwortet. „Ich habe keinen Fehler gemacht, ist wüsste nicht was ich anders hätte machen sollen.” Es laufe viel falsch an der Uni Wien, sagt sie: Inkompetentes Personal in den Zulassungsstellen, viel Falschinformation und zu wenig Respekt gegenüber Studierenden. Vor Studienbeginn sei sie glücklich gewesen, sagt Marie. Obwohl zu Hause auch nicht immer alles einfach gewesen sei: Beide Eltern waren selbst einst Langzeitstudenten, die beschlossen, dass ihrer Tochter nicht dasselbe passieren soll und ihr deshalb Druck machten. Doch egal, wer Schuld trägt: Marie schafft am Ende etwas, was nicht jeder wagt. Sie ergreift die Initiative: Nach ihrem Nervenzusammenbruch holt sie sich professionelle Hilfe, geht zum Therapeuten und wechselt die Uni. Mittlerweile ist sie sogar dabei, ihr Studium zu beenden.

„Der Schritt, sich Hilfe zu holen, ist oft schwierig“, sagt Madeleine Garbsch. Sie arbeitet als Psychologin und Therapeutin in der psychologischen Studentenberatung des Wissenschaftsministeriums im achten Bezirk. Mehr als 6000 Studierende haben sich im vergangenen Jahr an eine der sechs Zweigstellen der bundesweit tätigen Organisation gewandt. Und es werden immer mehr. Garbsch spricht ruhig, wählt ihre Worte mit Bedacht. Ob sie eine Antwort auf die Frage hat, warum immer mehr Studierende Hilfe suchen? „Ich glaube schon, dass sich die Leute mehr trauen, weil das Thema nicht mehr so tabuisiert wird“, sagt die Therapeutin. „Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Studierenden mehr Druck haben. Ob der vermehrte Druck auch mehr Beschwerden auslöst, traue ich mich aber nicht zu sagen.“ Einen Zusammenhang mit den veränderten Studienbedingungen der letzten Jahre hält sie zumindest für möglich.

Die meisten Menschen kommen auch heute noch zur psychologischen Studentenberatung, weil sie Hilfe bei der Studienwahl oder studienspezifischen Entscheidungen brauchen, doch das Verhältnis hat sich in den vergangenen Jahren verschoben. Jeder dritte Kontakt fällt mittlerweile in den psychischen Bereich. Dabei hätten die Studierenden ganz unterschiedliche Anliegen, sagt Garbsch: „Im normalen Studienverlauf sind Lernprobleme und Prüfungsangst die Klassiker. Dann natürlich alles, was an Lebensalltag sonst anfällt: Probleme mit Eltern, Partnern, der Peer Group. Dieser psychische Bereich hat aber nichts mit der Uni zu tun.“ Doch egal ob Lernstress oder Streit mit der Freundin – die Anfragen sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Warum weiß niemand so genau. Manche Studienrichtungen verzeichnen zwar einen Rückgang bei den Anfragen, doch das dürfte nicht an den entspannten Studienbedingungen liegen. „Die Mediziner kommen kaum noch, einfach weil sie keine Zeit mehr dafür haben”, sagt Garbsch.

Wenn das Studium Stress verursacht, der wiederum psychische Probleme auslöst, fehlt den Studierenden meist einfach die Zeit, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen. Es ist ein Leidenskreis, der für den Einzelnen nur schwer zu durchbrechen ist. „Man sollte verstärkt Sachen machen, die einem Freude bereiten, und die Dinge, die einem Schwierigkeiten machen, weniger oft”, sagt Garbsch. Klingt einfach. „Doch das schafft natürlich nur jemand, der noch nicht zu tief in die Depression gerutscht ist. Dann scheint oft schon die Fahrt zur Uni unmöglich. Sehr verkürzt gesagt: Die bleiben im Bett und dann ist das Semester um.”

„Ihnen geht es eh gut“

Tina (Name geändert) ging es früher genau so – und schlimmer. „Sogar im Bett liegen war anstrengend”, sagt die 28-Jährige, wenn sie über ihre depressiven Phasen spricht. Ihre psychischen Probleme hängen nicht mit der Uni zusammen, sie beginnen schon viel früher und doch leidet ihr Studium sehr unter ihrer Krankheit. Dabei sagt sie, die Uni sei der einzige Ort, an dem sie ein halbwegs normales Leben führen könne. Tina sitzt in einem Café, die Arme immer fest um ihre Brust geschlungen. „Ich wollte mich sechs Mal umbringen“, sagt sie.

Tinas Diagnose lautet „Borderline-Persönlichkeitsstörung“. Stimmungsschwankungen, Schwarz-Weiß Denken, Depressionen, Realitätsverlust und selbstverletzendes Verhalten sind Symptome, unter denen Borderline-Patienten häufig leiden. Wodurch sie ausgelöst werden, darüber streiten sich Wissenschaftler: Genetik? Traumatische Kindheitserlebnisse? Biochemische Fehlstellungen im Körper? Für Tina ist klar: Wären ihre sozialen Umstände anders, hätte sie heute vielleicht keine Angst, aus dem Haus zu gehen.

„Mein Vater hat mich gebrochen, später meine Mutter.“ In der Schule wird sie gemobbt, schon als 16-Jährige leidet sie unter Depressionen: Tina fühlt sich antriebslos, schlapp, dann wieder ist sie überdreht und unkonzentriert. 2003 beginnt sie ihr Studium an der Uni Wien und will ausziehen. Ihre Mutter ist dagegen, es kommt zu Handgreiflichkeiten. Für Tina sind die Zustände unerträglich. Sie hat zwar einen Platz in einer 5er-WG in Aussicht, will aber schon früher von ihrer Mutter weg. Weil sie kein Geld hat, meldet sie sich in einem Obdachlosenheim für Jugendliche an und bleibt dort einen Monat lang.

Wenn Tina über ihre Krankheit spricht, benutzt sie Fachbegriffe aus ihrem Psychologie-Studium. Informationen aus den Vorlesungen helfen ihr manchmal, ihre Situation besser zu verstehen. Aber das, was sie zu hören bekommt, macht sie auch wütend: „Wenn ich zum Beispiel auf Vorlesungsfolien lesen muss, dass Depressionen und ähnliche Krankheiten neurobiologische Ursachen haben. Das gesellschaftliche Umfeld als Risikofaktor spielt da nur am Rande eine Rolle.“

Nach fünf Semestern lässt sie sich von der Uni beurlauben: „Mir ging es so schlecht, ich konnte keinen Finger rühren. Im AKH musste ich von einer Ergotherapeutin und einer Krankenschwester hören: Ihnen geht es eh gut.” Tina will das auch glauben, fällt aber noch tiefer in ihr Loch, hat Suizidgedanken. Die sie auch in die Tat umsetzt: Sie nahm unter anderem vier Beruhigungstabletten aus dem Krankenhaus („Naiv, zu glauben, dass man davon stirbt”) oder 180 Aspirin („Hab‘ sofort die Rettung gerufen“).

Krankenhaus, Therapiezentren, Psychatrie. Es dauert, bis Tina all ihre Stationen aufgezählt hat, bei denen sie Hilfe gesucht hat. Erst eine psychoanalytisch orientierte Therapie im Ybbs kann ihr helfen – zumindest ein wenig. Heute fühlt sich Tina zwar nicht mehr so leer, dafür unerwünscht: „Ich habe das Gefühl, ein schlechter Mensch zu sein. Ich geniere mich vor mir selbst, habe Angst aus dem Haus zu gehen. Freunde treffen, Einkaufen gehen, eine Vorlesung besuchen – das alles kostet Überwindung.” Deshalb ist sie froh, wenn sie Uni-Material über Online-Lernplattformen herunterladen und von zu Hause aus lernen kann.

Tina hat 6 Selbstmordversuche hinter sich. „Ihnen geht es eh gut“, hörte sie im Krankenhaus

Die Uni, dein Rettungsanker

Hat die Uni eine Verpflichtung, auf ihre Studierenden zu schauen? Müssen Professoren auf Studierende mit psychischen Problemen besonders Rücksicht nehmen? Auch wenn sie selbst vielleicht unter den prekären Arbeitsverhältnissen leiden? „Die Aufgabe der Hochschule ist, Studierende über Möglichkeiten aufzuklären, wie sie mit ihrer Beeinträchtigung studieren können“, sagt Birgit Virtbauer. Seit drei Jahren ist sie Behindertenbeauftragte der Uni Wien und damit Ansprechpartnerin für Studierende, die sich durch körperliche oder psychische Beeinträchtigungen im Studium behindert fühlen. „Gleichzeitig müssen sich Studierende aber auch selbst um Informationen kümmern. Wobei auch klar ist, dass es vor allem für jene mit psychischen Beeinträchtigungen manchmal nicht leicht ist zu erkennen, dass sie Hilfe brauchen.“

Nur wenn die Studierenden von selbst zu ihr kommen, kann Virtbauer helfen: Mit einem Hinweis auf die Mitschriftenbörse zum Beispiel, dem Stipendium der Universität Wien für Studierende mit Beeinträchtigungen oder dem Angebot, Prüfungsmodalitäten individuell anzupassen. Ob das ausreicht die hilfesuchenden Studierenden aus ihren Löchern zu holen? „Vor allem bei psychischen Erkrankungen bleiben die Probleme unerkannt, weil die Betroffenen sich oft aus Angst vor einer Stigmatisierung nicht trauen ihre Bedürfnisse zu artikulieren“, sagt Virtbauer. „Das ist aber kein uni-spezifisches, sondern ein gesellschaftliches Problem.“

Virtbauer hat nicht den Eindruck, dass in den letzten Jahren mehr Studierende mit Problemen zu ihr kommen. Mit den alarmierenden Zahlen aus der Studierendensozialerhebung müsse man vorsichtig umgeghen, meint sie. „Ein Teil von den 45 Prozent, die unter psychischen Beeinträchtigungen leiden, findet vielleicht einmal pro Semester in der Prüfungszeit das Studium stressig. Allerdings ist nur ein kleinerer Prozentsatz tatsächlich während des gesamten Semesters gesundheitlich beeinträchtigt.” Studierende aus dieser letztgenannten Gruppe kommen dann zu ihr, sagt Virtbauer. Das Uni-System – Bürokratie oder Stress in der Einführungsphase – werde dann ein Risikofaktor, wenn die Person ohnehin schon vorher unter psychischen Belastungen gelitten hat.

Dabei kann die Uni in manchen Fällen sogar ein Rettungsanker sein, der dabei hilft, nicht vom schwarzen Loch der Depression verschlungen zu werden. Tina sagt, ihr Studium sei ein Rückzugsort, der ihr ein bisschen Normalität verschaffe. An der Uni versucht sie, vor Kollegen ihre Krankheit zu verstecken, was nicht immer gelingt. Einmal habe sie während eines Referats begonnen, unkontrolliert zu lachen. Wegen der Anspannung. „Die Professorin ist nachher zu mir gekommen und hat mir geraten, autogenes Training zu machen, damit ich in Zukunft bei Referaten etwas lockerer werde. Ich fand das nett,“ sagt sie. Selbst Arbeit zu suchen oder sich für einen der Berufseinführungskurse für psychisch Beeinträchtigte anzumelden, die das Arbeitsmarktservice anbietet, scheint ihr unmöglich: „Derzeit kann ich mich für nichts aufraffen, außer für die Uni. Meine Krankheit füllt mein ganzes Leben aus.”

Tina weiß, sie hat noch einen langen Weg vor sich – einen Weg, den R. hinter sich gebracht hat: Die 27-Jährige sitzt im „Sonnensegel”, einem Raum der Organisation Pro Mente in der Pressgasse im vierten Bezirk und sagt: „Ich habe Therapien gemacht, aber am Ende habe ich einfach Rückhalt gebraucht, das Gefühl mit dem Thema nicht mehr alleine zu sein”, sagt sie. Heute leitet R. die Selbsthilfegruppe „Junge Leute” – Zielgruppe 18 bis 30 Jahre.

Eine Depression ist kein Schnupfen

„Uns war nicht klar, dass wir damit hauptsächlich Studierende ansprechen würden”, sagt Sina Bründler, Pressesprecherin von Pro Mente. „Wir wollten einfach ein Angebot für junge Leute machen, Menschen in Umbruchsphasen, die eine Neuorientierung brauchen.” Trotzdem sind heute etwa 70 Prozent der Teilnehmer Studierende. Doch warum? Macht die Uni psychisch krank? So einfach sei es nicht, sagt R. Vor vier Jahren kam sie selbst als Teilnehmerin hierher, sie studierte damals Pädagogik und Soziologie – wusste alleine nicht mehr ein oder aus. Prüfungsangst, Leistungsdruck, Orientierungslosigkeit – das sind vielgehörte Schlagworte, doch R. bringen sie an den Rande ihres Verstandes. Seit mittlerweile drei Jahren leitet sie die Gruppe, kommt einmal die Woche ins „Sonnensegel”, um mit Leidensgenossen über deren Probleme zu sprechen. „Ich glaube nicht, dass das Studium mich krank gemacht hat. Ich habe mich ja auch auf die Uni gefreut, wollte das schöne Studentenleben genießen und das habe ich auch. Nicht meine ganze Studienzeit war furchtbar”, sagt sie.

„Man sollte verstärkt Sachen machen, die einem Freude bereiten, und die Dinge, die einem Schwierigkeiten machen, weniger oft”, sagt Madeleine Garbsch, Therapeutin in der psychologischen Studentenberatung. „Doch das schafft natürlich nur jemand, der noch nicht zu tief in die Depression gerutscht ist. Dann scheint oft schon die Fahrt zur Uni unmöglich.“

Jede Depression verläuft anders, nicht jede ist so schlimm, dass man es nicht mehr aus dem Haus schafft. „Es stimmt nicht, dass es kein Leben außerhalb der Depression gibt”, sagt R. Auch sie ging auf Partys, hatte Spaß, traf Studienkollegen – doch da waren auch all diese Fragen in ihrem Kopf. Ist das Studium das richtige? Was wenn nicht? Wie geht es danach weiter? Werde ich einen Job bekommen? Es sind Fragen, die sich wohl jeder Studierende stellt – manche kommen damit zurecht, andere zerbrechen daran. Dass man zur zweiten Gruppe gehört, ist nicht leicht zuzugeben. „Man bindet das nicht jedem auf die Nase, weil es nicht jeder versteht”, sagt R. Ihre Studienkollegen erfuhren damals nichts von ihren Problemen, R. wollte nicht schwach erscheinen.

„In sehr leistungsorientierten Fächern wie zum Beispiel BWL ist es besonders hart, wenn man Schwäche zeigt. Dabei ist es keine Schwäche, Depressionen sind Krankheitsphasen. Andere Leute sind dauernd verkühlt oder bekommen einen Bandscheibenvorfall”, sagt Bründler. „Fakt ist, dass man etwas braucht, das einem hilft.” Doch ist es am Ende wirklich so einfach? Ist die Depression nichts anderes als ein Schnupfen? R. hat ihr Studium mittlerweile abgeschlossen, mit einiger Verspätung.

„Manche in der Gruppe merken schnell, dass es ihnen besser geht und kommen dann nicht mehr. Es ist schön, wenn das passiert”, sagt R. Doch das ist nicht die Regel – die schnelle Heilung gibt es meist nicht. Oft kommen sie wieder – wenn die scheinbar unlösbaren Fragen wieder lauter werden. „Ein Teilnehmer war zwei Jahre dabei”, sagt R.

Das Studium wird immer verschulter, gleichzeitig geht jeder Fünfte nebenbei zumindest einem geringfügigen Job nach. Was aber, wenn man depressiv ist, sich fürs Arbeiten zu schwach fühlt und wegen stockendem Studienfortschritt keine Beihilfen mehr bekommt? Eine Depression ist kein Rollstuhl, eine Manie macht nicht blind. Psychische Beeinträchtigungen kann man in den meisten Fällen nicht sehen, man bekommt dafür auch keine extra Beihilfen. Statt dessen brauchen Studierende mit psychischen Problemen oft viel Geld für Therapien. Der finanzielle Druck nimmt zu, statt ab.

Stress als Motivation

Manche sehen psychischen Stress auch als positive Herausforderung: In Suck Jang lebt seit 16 Jahren in Österreich, ursprünglich kommt er aus Südkorea. Wenn er über seine Erfahrungen mit der Uni-Bürokratie spricht, geht es um Ungerechtigkeit, zweifelhafte Postenvergaben und inkompetentes Personal: „An der Uni wirst du nicht etwas, weil du etwas leistest, sondern weil du Beziehungen hast.”

In Suck Jang ging für seine Masterzulassung bis zum Verfassungsgericht – und verlor

Nach seinem Bachelor in Instrumentalmusik in Salzburg wollte er gleich mit dem Master in Klaviermusik weitermachen. Allerdings hatte er nur eine Drei im Bachelorzeugnis. Nichts Schlimmes für In Suck, aber bei der Zulassung hieß es dann, er erfülle die Anforderungen nicht. Er müsse eine Zusatzprüfung machen. „Das war eine komische, unzulässige Änderung in den Zulassungsbestimmungen. Nach dieser Regelung gilt das Bachelorzeugnis gleichzeitig als Aufnahmezeugnis für den Master. Eine Zwei in der Abschlussprüfung ist da Minimum. Ich fand das eine Frechheit“, sagt er. In Suck lässt sich das nicht gefallen, diskutiert mit der Zulassungsstelle, mit Professoren, Assistenten und landet schließlich vor dem Verfassungsgericht – und verliert. Trotzdem kann er nach eineinhalb Jahren seinen Master beginnen, weil sich Professoren für ihn eingesetzt haben. Beziehungen muss man halt haben.

Für In Suck ist die Zeit, in der es unklar war, ob er seine Ausbildung weitermachen kann, „extrem stressig” gewesen: Er entwickelt Gastritis und leidet bis heute unter Migräne, die er mit Medikamenten unterdrückt. Trotzdem empfindet er Stress als nichts Schlechtes. Im Gegenteil: „Diese Situation war eine Herausforderung für mich, in der ich merkte, wer meine wahren Freunde sind.“

Stress im Studium habe er auch so, sagt In Suck. Aber das Bild des Musikstudenten, der besonders unter Leistungsdruck zu leiden hat, stimmt nicht mehr: „Heutzutage ist es doch in jedem Studium stressig. Egal ob Musik, Sport oder Publizistik.“

Das Leben geht weiter

Kann es sein, dass das Problem ganz wo anders liegt? Dass nicht die Uni zu stressig ist, sondern wir uns selbst zu wichtig nehmen? Dass wir so viel über uns selbst nachdenken, bis wir in die Depression fallen? Die Psychologin Madeleine Garbsch sagt: „Reflexion ändert nichts daran, ob ich krank bin. Jemand, der weniger reflektiert, würde vielleicht eher Alkohol trinken.“

Zumindest bei Marie und In Suck sind bürokratische Hürden Teil des Problems. Auch R.s Depressionen begannen während des Studiums. Tina bezeichnet die Uni zwar als Rückzugsort, doch durch ihre Krankheit fällt ihr das Studium auch schwerer als anderen. Was die vier Schicksale verbindet, ist, dass die Betroffenen sich irgendwann aufgerafft haben. Sie haben erkannt, dass es ein Problem gibt und versuchen, es in den Griff zu bekommen.

Genauso wie jede Krankheit anders verläuft, hat auch jeder andere Vorschläge, wie man damit umgehen soll. Das Wichtigste ist, sich professionelle Hilfe zu holen, sagen die Experten. Bei entsprechenden Stellen an der Uni oder in weiterer Folge bei Psychologen. Tina rät außerdem, dass man aktiv bleiben und die eigenen Ängste bekämpfen sollte. Sie macht sich beispielsweise Termine und zwingt sich so, auch dann außer Haus zu gehen, wenn es ihr sehr schwer fällt.

Wenn die Probleme direkt im Uni-System verankert sind, ist es hilfreich, sich Mitstreiter zu suchen, denen es ähnlich geht, sagt Marie. „Auch wenn jeder individuelle Probleme hat, kann man sich gegenseitig Halt geben.“ Vor allem aber sollte man auf die Signale des eigenen Körpers hören und die Probleme annehmen, meint In Suck Jang. Früher übte er acht bis zehn Stunden pro Tag, „weil ich weiterkommen wollte“. Heute übt er manchmal im Durchschnitt nur drei Stunden pro Woche, ein andermal vier bis sechs Stunden am Tag. Zufriedenheit ist ihm wichtiger, als der Beste zu sein. Und Marie sagt einen Satz, der so selbstverständlich klingt, aber vielleicht der wichtigste von allen ist: „Zwischendurch sollte man nicht vergessen, zu leben.“

Coverfoto: Mitchell Hollander / Unsplash

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