Willst du das wirklich essen?

Du bist was du isst, lautet ein Sprichwort. Aber wissen wir eigentlich, was da vor uns auf dem Teller liegt? Dem modernen Menschen ist sein Essen fremd geworden.

für 2012

Das Huhn vor mir ist ein Fisch. Genauer gesagt, die Form von drei der Chicken Nuggets ähnelt dem, was Schulkinder früher als Fische gezeichnet haben. Heute kommt es schon vor, dass sie mit dem braunen Buntstift Fischstäbchen ins blaue Meer malen. Die Chicken Nuggets sind labbrig und schmecken ein bisschen nach Salz, ein bisschen nach Pfeffer, ein bisschen nach Huhn und vor allem nach Nichts und Popcorn.

Vor ein paar Jahren war die Öffentlichkeit einmal furchtbar empört, weil bekannt wurde, dass Hühner unter anderem mit Fischmehl gefüttert wurden. Dass das Huhn auch so ein bisschen etwas vom Fisch hatte, schien absurd. Tatsächlich ist es aber nur Teil des ganz normalen Wahnsinns, der auf unseren Tellern liegt. Beispiel gefällig?

Machen wir einen Test: Was ist das?

Vollmilch, Wasser, Kartoffeln, Emulgator Mono- u. Diglyceride von Speisefettsäuren, Stabilisator Polyphosphat, Antioxidationsmittel Fettsäureester der Ascorbinsäure, Gewürzextrakte, Rapsöl, Speisesalz jodiert, modifizierte Stärke, Verdickungsmittel Xanthan, Säureregulator Natriumacetat, Säuerungsmittel Zitronensäure, Antioxidationsmittel Ascorbinsäure, Aroma, Pflanzenöl, Gewürze.

Erraten? Es nennt sich Kartoffelpüree.

In dem Kartoffelpüree sind genau sechs Prozent Kartoffelflocken und auch die bestehen außer dem Namen gebenden Gemüse noch aus sechs anderen Zutaten. Das Kartoffelpüree schmeckt wie Sägespäne und so weit auseinander liegen die zwei Sachen auch gar nicht, denn wer weiß schon, ob das Aroma im Püree nicht vielleicht aus Holz gewonnen wurde. Vielleicht waren es auch Schimmelpilze, so genau will ich das aber eigentlich gar nicht wissen. Oder doch?

Tatsache ist: das Kartoffelpüree auf dem Teller hat mit der Kartoffel nicht mehr viel zu tun. Genauso wenig wie die Chicken Nuggets mit einem Huhn. Der moderne Stadtmensch harkt seine Kartoffeln nicht mehr im Garten hinter dem Haus aus der Erde, er trägt einen zwei-Kilo Plastiksack aus dem Supermarkt. Oder sticht die Plastikfolie des Fertiggerichts vier Mal mit der Gabel ein, bevor er es in die Mikrowelle stellt.

Wir leben in einer Welt, in der das Kartoffelpüree aus der Packung kommt und das Fleisch keine Knochen hat. In der Jahreszeiten keine Bedeutung haben und die Supermarktregale immer voll sind.

Der moderne Mensch hat den Bezug zu seinem Essen verloren. Vielleicht wissen wir das Land, aus dem die Kartoffeln kommen. Wie sie angebaut, geerntet, transportiert werden, wahrscheinlich nicht. Und es stellt sich die Frage: Wenn wir uns plötzlich wieder selbst um unser Essen kümmern müssten, würden wir dann alle verhungern?

Das Suppenhuhn ist ausgestorben

Christoph Astner steht inmitten eines Getümmels aus braunen Federn, Schnäbeln und Krallen und schüttelt den Kopf. „Ich glaube, dass niemand sich mehr was beim Essen denkt. Jede Woche kommt von jedem Supermarkt ein anderes Werbeblatt und das, was billiger ist, das hab ich am Teller.“, sagt er. Astner ist einer der letzten seiner Art, er hat einen Bio-Betrieb mit tausend Legehennen und 60 Ziegen. Nur tausend müsste man sagen, denn auch in der Bio-Hühnerhaltung fangen die meisten Betriebe bei rund 3000 Legehennen an. Sein Hof in der Kelchsau in Tirol kommt der Idylle nahe, die sich viele Menschen vorstellen, wenn sie an den Ort denken, von dem ihre Brathühner, ihre Frühstückseier und ihr Käse kommen. An der Wand des Hühnerstalls sind Sitzstangen angebracht, die Hühner legen ihre Eier in Holzkästen an der anderen Wand. Die Tür zur riesigen Wiese ist im Sommer immer offen, wenn die Hühner pro Tag zwanzig Mal ein und aus laufen wollen, dürfen sie das, auch wenn sie durch die Bewegung mehr Futter brauchen. Normal ist das nicht.

Normal ist auch nicht, dass Christoph Astner Familie von den tausend Legehennen und den 60 Ziegen leben kann, ohne, dass er oder seine Frau einen zweiten Beruf ausüben müssen. Normal ist nicht, dass die Hennen jetzt schon fünfzehn Monate alt sind und noch immer hier. Normal wäre, dass sie schon nach rund einem Jahr wieder abgeholt werden und ein eher unwürdiges Ende finden: entweder verbrannt in der Tierkörperentsorgungsanlage oder zerschnipselt im Hächsler.

Die Tage der Hühner sind gezählt, ganz genau abgezählt nämlich. In der Brutfabrik müssen die Küken nach genau 21 Tagen aus dem Ei geschlüpft sein, sonst werden sie zu einem Brei aus Fleisch, Knochen und gelben Federn zermatscht. Den Hähnen droht dieses Schicksal in jedem Fall, denn die männlichen Küken werden aussortiert und entsorgt. Die weitere Lebensdauer bestimmt sozusagen der Beruf des Huhns – soll es Eier legen, darf es rund ein Jahr leben, will der Mensch daraus Hühnerbrustschnitzel machen, sind es im konventionellen Betrieb nie mehr als 35 Tage.

Die Hühner, die am Bauernhof zwischen den Grashalmen scharren, sehen gesund und natürlich aus. Das braune Federkleid ist aber genauso maßgefertigt wie das gesamte Huhn. Lohmann Brown Classic heißt die Rasse, neben ihr bietet der Lohmann-Konzern noch sieben andere Rassen an, alle „wettbewerbsfähig“, mit „hoher Legespitze“, „großem Durchhaltevermögen in der Legeleistung“, „guter Schalenstabilität“ und „ausgezeichneter Gesundheit“ wie es auf der Homepage des Unternehmens steht. Das Huhn, ein Designerprodukt.

Die ganzen alten Rassen sind verschwunden“, sagt Clemens Arvay. Er ist Agrarbiologe, hat sich in seinem Buch „Der große Bio-Schmäh“ damit auseinandergesetzt, wie nahe industrielle Betriebe und die scheinbare biologische Idylle in Wirklichkeit beisammen liegen. Er ist ein scharfer Kritiker der gängigen Praxis im Eiergeschäft: „Lohmann Brown Classic ist total degeneriert. Die können sich nicht mehr selbst fortpflanzen. Es gibt keine nächste Generation. Der Bauer ist gezwungen, immer den Nachwuchs einzukaufen. Das genetische Gut, das sich über zehntausend Jahre in den alten Rassen gespeichert hat, geht den Bach runter.“

Es sind nicht nur die alten Rassen, die verschwinden. Es ist auch eine traditionelle Funktion des Huhns. Das Suppenhuhn ist ausgestorben, sozusagen. Früher einmal galt die Hühnersuppe als Medizin. Das Huhn wurde geopfert, damit der kranke Mensch wieder zu Leben kommen sollte. Heute werfen die Menschen einen kleinen Würfel in kochendes Wasser, das Bewusstsein um die medizinische Funktion des Essens geht verloren. „Eine Suppenhenne, etwas, das früher gang und gebe war, kannst du heute nicht mal mehr jemandem schenken, das will keiner mehr“, sagt Astner, „Aber wenn es Chicken Nugget heißt und ein Ketchup und ein Kleber dabei sind, ist es auf einmal gut.“

Früher einmal hätten Christoph Astners Tiere als Suppenhühner ein ehrenhaftes Ende gefunden. Heute muss er sie an Unternehmen verschenken, die Gewinn damit machen, die ausgedienten Legehennen von den Bauern zu holen und sie zerschnetzelt und wieder zusammengesetzt als Chicken Sticks, Chicken Nuggets und ähnlichem zu verkaufen. Würde Astner nicht mit solchen Unternehmen zusammenarbeiten, müsste er die Tiere selbst loswerden – das heißt im Klartext, er müsste sie umbringen lassen, ohne dass ihr Fleisch jemals verwertet würde – und dafür zahlen. Die Legehennen von heute sterben nicht, weil sie alt sind, sie sterben, weil sie nur mehr 60 Prozent Legeleistung haben – das heißt, an durchschnittlich sechs von zehn Tagen ein Ei legen.

Die Geschichte, wie aus den Hühnern von Christoph Astner irgendwann Chicken Nuggets werden, ist die Geschichte davon, wie das Tier zum Produkt wurde. Heute werden Nutztierrassen so gezüchtet, dass sie möglichst gewinnbringend leben und sterben. Das führt zu jenen Bildern, die jeder Esser gerne vergisst, selbst wenn er sie kennt: Masthühner, deren Brust so groß ist, dass sie in den letzten Tagen ihres ohnehin nur 30-tägigen Lebens kaum noch stehen können. Schweine, die so schnell wachsen, dass ihre Gelenke und Knochen das Gewicht nicht mehr tragen können. Kühe, die zwar fünf mal so viel Milch geben wie vor hundert Jahren, dafür aber oft mehr nur ein Fünftel ihrer natürlichen Lebenserwartung erreichen. Natürliche Haltung, natürliches Futter, natürliche Fortpflanzung? Fehlanzeige.

Clemens Arvay erzählt von Hühnerbetrieben, die High-Tech Hallen gleichen. Die Hühner werden automatisch verwogen, das Gewicht an den Konzern gesendet, der sie betreibt. „Der kann dann sagen, so, morgen schlachten wir, denn da ist es am lukrativsten“, sagt Arvay, „Der Bauer selbst muss nur mehr mit den Maschinen gut umgehen können, den Computer bedienen können, muss wissen, wie er die Fließbänder, auf die die Eier gelegt werden, bedient und wissen, wie er das Futter nachfüllt. Der muss sich mit dem Umgang mit den Tieren nicht mehr beschäftigen. Der muss gar nichts mehr wissen, was ein Bauer wissen muss, der ist eigentlich kein Bauer mehr, der ist nur mehr ein Hühnerfütterer.“ Am Ende dieses leidigen Lebens kommt ein so genannter „Harvester“, quasi ein Erntegerät für Hühner. Der Harvester ist ein überdimensionierter Staubsauger, der durch die Halle fährt, und die Hühner einsaugt, damit sie später ebenso maschinell geschlachtet werden können. Das Tier lebt nicht mehr, es wird „produziert“.

Der Siegeszug der Technologie führte dazu, dass immer mehr Menschen von dem leben können, was immer weniger Menschen landwirtschaftlich erzeugen. Das bedeutet zwar einerseits, dass man statt auf dem Acker die Karotten aus dem Boden zu ziehen nun andere Sachen erledigen kann, es heißt aber auch, dass den Menschen der Bezug zur Nahrung verloren geht. Der Weg des Essens ist unsichtbar geworden. In Spanien geerntet, in den Niederlanden verpackt, in Österreich gegessen und keiner merkt es.

Klaus Dürrschmid von der Universität für Bodenkultur in Wien forscht in der Arbeitsgruppe Sensory and Consumer Sides zur sensorischen Wahrnehmung des Menschen im Kontext von Lebensmitteln. Er erklärt, das spätestens seit den 1950er Jahren eine immer stärkere Entfremdung der Konsumenten von den Lebensmitteln stattgefunden hat: „Sie fassen die Produkte als völlig austauschbare Konsumprodukte auf, die man wie eine Zahnbürste einfach verwendet und wegschmeißt wenn es einem nicht mehr gefällt.“

Bräuche und Traditionen in allen Kulturkreisen zeugen davon, welch hohen Stellenwert die Nahrung hatte, als sie noch für die meisten ein knappes Gut war. Heute wird in Wien jeden Tag jene Menge Brot als Retourware weggeworfen, mit der man ganz Graz ernähren könnte. Mit etwas Heiligem geht man anders um. Essen sei früher mit viel größerer Bedeutung und Symbolik verbunden gewesen, als das heute der Fall sei, sagt Dürrschmid: „So eine Semmel vom Anker zum Beispiel, das ist ja ein Schrott in Wahrheit und nicht irgendetwas wichtiges, wesentliches, wo man ein Kreuz rein macht und das heilig ist, das einen am Leben erhält.“

Es scheint, als hätten viele Menschen vergessen, dass ihre Nahrung tatsächlich ein Teil ihres Körpers wird – und das jeden Tag. Es kann schon sein, dass das einst beinahe heilige Huhn auch heute einer medizinischen Behandlung gleichkommt. Die Gründe haben sich jedoch verändert. Ein Masthuhn, das rund 30 Tage lebt, bekommt innerhalb dieser Dauer durchschnittlich 2,9 Antibiotikagaben. „Wenn du heute die Grippe hast, brauchst du gar nicht mehr zum Doktor gehen. Es ist gescheiter, du schleckst ein Huhn ab, dann hast du das Antibiotika gleich mitgegessen“, sagt der Hühnerbauern Astner. Warum die Tiere somit häufiger Antibiotika bekommen als die meisten Menschen liegt an den Haltungsumständen. Wenn zehntausende Hühner in einer einzigen großen Halle gehalten werden, die den Namen „Stall“ nicht mehr ansatzweise verdient, werden sie eben häufiger krank. Anstatt sich zu überlegen, wie man die Lebensweise der Tiere verbessert, werden jedoch mit der Gabe von Antibiotika einfach die Symptome bekämpft.

Die Absurditäten der modernen industrialisierten Landwirtschaft zeigen, dass Lebensmittel schon lange nicht nur mehr Essen sind. Es geht um Gewinn, es geht darum, mehr, schneller und billiger zu produzieren.

Die ganze Geschichte zu lesen in Ausgabe 10 des Magazins 2012

Beitragsbild: Charles Deluvio | Unsplash

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